Dirlewang Die Tage von Muammar al-Gaddafi als libyscher Machthaber scheinen gezählt. Einer, der das Geschehen in dem sozialistischen Land besonders genau beobachtet, ist der Wirtschaftsberater Theo Wenig aus Dirlewang. Er ist Vorsitzender des deutsch-libyschen Vereins und hat erst gestern Vormittag mit zwei guten Freunden telefoniert, Ibrahim El Marghani und dem ehemaligen Generalkonsul Mohamed Atarbar.
Wie geht es Ihren Freunden?
Wenig: Sie haben mir versichert, dass es ihnen und ihren Familien gut geht und sie zu essen und zu trinken haben. Angst machen ihnen allerdings die Bomben, die oft nur einige Hundert Meter von ihrem Haus entfernt einschlagen. Beide hoffen, dass die Diktatur und der jetzige Krieg bald vorüber sind. Sie wünschen sich einen Neuanfang.
Glauben Sie, dass ein solcher nach dem erhofften Rückzug Gaddafis möglich sein wird?
Wenig: Ich denke schon, dass es einen Neuanfang geben wird. Aber es wird ähnlich wie in Tunesien und Ägypten Probleme geben. Vielleicht nur nicht so ausgeprägt, weil die Libyer eine finanzielle Basis haben. Aber der Prozess der Demokratisierung wird noch Monate, ja Jahre dauern, bis westliche Standards erreicht sind. Wie in Tunesien könnten viele politische Gruppen und Stämme ihren Machtanspruch geltend machen. Zunächst einmal muss die Verwaltung den Polizeistaat in den Griff kriegen. Dazu werden anfangs wohl noch alte Strukturen fortgeführt werden müssen. Auf jeden Fall birgt die Demokratisierung noch Unsicherheiten.
Wie haben Ihre Freunde darauf reagiert, dass sich Deutschland im Weltsicherheitsrat bei der Abstimmung über einen Militäreinsatz enthalten hat? Waren sie enttäuscht?
Wenig: Nein, diesen Eindruck hatte ich nicht. Sie haben sich nichts anmerken lassen. Im vergangenen halben Jahr haben wir in unseren Telefonaten aber auch nie direkt über Gaddafi geredet. Sie haben das Thema nicht von sich aus angesprochen und ich wollte nicht nachfragen, weil wir nicht wissen, ob die Telefone abgehört werden. Ich möchte sie nicht in Gefahr bringen. Aber meine Freunde im benachbarten Tunesien sagen alle: „Hoffentlich verschwindet der Tyrann bald.“
Und wie sehen Sie selbst die deutsche Enthaltung?
Wenig: Ich sehe sie von einem christlichen Standpunkt aus. Aus meinem Glauben heraus finde ich es gut, dass Deutschland nicht mitkämpft, wo Menschen umkommen. Ich habe sehr auf eine diplomatische Lösung gehofft. Zumal ich befürchte, dass hinter der Bombardierung und der Forderung nach einem Rückzug Gaddafis vor allem wirtschaftliche Motive stehen. Das libysche Öl ist sehr gefragt. Schließlich gibt es auch andere Länder, wo Tyrannen herrschen und da fühlt sich niemand verpflichtet, einzugreifen. Schauen Sie nur nach Syrien, da passiert nichts.
Sie waren selbst dreimal in Libyen, zuletzt vor zwei Jahren. Hat sich der Umsturz damals bereits in irgendeiner Form angedeutet?
Wenig: Nein, das kann man so nicht sagen. Aber man hat schon gemerkt, dass die Leute nicht so konnten, wie sie wollten und dass sie darunter gelitten haben. Auslandsreisen oder überhaupt Kontakte ins Ausland waren sehr schwierig.
Haben Sie das auch selbst zu spüren bekommen?
Wenig: Ja, 2004 habe ich Mohamed Atarbu geraten, in Libyen die Kneippkur zu etablieren. Er war sogar mehrere Tage in Bad Wörishofen, um sich über Kneipp zu informieren. Letztlich scheiterte das Projekt aber daran, dass Gaddafi damals schon gesponnen und Verbindungen ins Ausland nicht gewünscht hat. Als Generalkonsul konnte sich Mohamed Atarbu dem nicht widersetzen. Hinzukommt, dass es die Libyer nicht gewohnt sind, selbst Verantwortung zu übernehmen. Das ist das Problem in einem sozialistischen Land. Der Wettbewerb fehlt.
Wie in Tunesien, Syrien und Ägypten ging die Demokratiebewegung auch in Libyen hauptsächlich von jungen Erwachsenen aus. Waren Ihre Freunde in irgendeiner Form an den Protesten beteiligt?
Wenig: Nein, in ihrem Alter haben sie sich aus den Protesten rausgehalten. Man muss wirklich sagen: Die Jugend hat die Freiheit erkämpft. Die haben den Kopf hingehalten. Das finde ich schon beachtlich.
Haben Sie Angst, dass Ihren Freunden trotzdem noch etwas zustoßen könnte?
Wenig: Nein, eigentlich nicht so sehr. Ich verlasse mich auf die Aussage der Nato, dass nur strategisch wichtige Ziele bombardiert werden. Die beiden leben aber zum Glück in Wohngebieten, in deren Nähe es auch keine solchen Ziele gibt. Interview: Sandra Baumberger