Stetten Im Stall ist Christoph Bienert in seinem Element: Mit dem Hoftrac schiebt er den Kühen das Futter hin, das er zuvor mit dem Kran im Futtergang abgelegt hat. Später will er das Tränkebecken säubern, nachsehen, ob das Weidefass noch gefüllt ist, die Mistwanne leeren, Klauenklötze schneiden und den Ladewagen reparieren. Von einer Tätigkeit in der Landwirtschaft hat der 23-Jährige schon lange geträumt.
Dass er sich diesen Traum nun verwirklichen kann, verdankt er der Integrationsbeauftragten der Unterallgäuer Werkstätten, Susanne Windisch, die das einjährige Praktikum in die Wege geleitet hat und betreut. Und Anton Hofmann, der den jungen Mann ohne Vorbehalte auf seinem Hof in Stetten aufgenommen hat – und mit ihm so zufrieden ist, dass er ihn auch danach weiterbeschäftigen will. Der Christoph, sagen er und sein Sohn Andreas, sei eine große Hilfe. „Ich bin froh, wenn er rausfährt und kreiselt. In der Zeit kann ich was anderes tun“, so Andreas.
Dabei ist es gar nicht so selbstverständlich, dass Christoph mit dem Bulldog rausfährt und kreiselt. Denn eigentlich ist er lernbehindert. Zahlen, Mengenverhältnisse und alles rein Theoretische sind nicht seine Welt. Den T-Führerschein hat er trotzdem innerhalb weniger Monate auf Anhieb geschafft. Weil es sonst nichts geworden wäre mit der Tätigkeit in der Landwirtschaft. Also hat er sich richtig reingehängt – und darf jetzt nicht nur mit dem Hoftrac, sondern auch den ganz großen Maschinen fahren. „Es ging ja nicht nur ums Fahren“, sagt Christoph, „sondern auch darum, dass der Chef Unterstützung hat auf’m Feld.“
Er nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Weil er raus will aus den Unterallgäuer Werkstätten, wo er bisher im Lager gearbeitet hat. Nicht, dass es ihm dort nicht gefallen hätte, aber die Arbeit sei halt arg einseitig. „Jeden zweiten Tag hat man das Gleiche eingepackt.“ Und dann ist da natürlich auch der finanzielle Aspekt: Bisher ist Christoph Bienert auf die Grundsicherung angewiesen. „Aber ich will dem Staat nicht auf der Tasche liegen. Es gibt genug Schmarotzer.“ Auf dem freien Arbeitsmarkt, bei Anton Hofmann, ist mehr für ihn drin.
Der wiederum ist froh, einen zuverlässigen Helfer gefunden zu haben. Früher hat er oft mit dem Maschinenring zusammengearbeitet. „Aber in den Spitzenzeiten, wenn man jemanden braucht, haben die auf ihren eigenen Höfen zu tun. Da bringt man niemanden her.“
Ohne Hilfe aber geht es nicht mehr: „Wir möchten auch mal wegfahren und es uns schöner machen“, sagt Anton Hofmann, der erst kürzlich schwer krank war. „Allein kann ich’s nicht machen“, sagt sein Sohn. Beide haben nicht gezögert, Christoph Bienert die Tiere und die teuren Maschinen anzuvertrauen. „Aus einem Instinkt raus hab ich eine Vollkasko-Versicherung für den Bulldog gemacht – da war der Christoph noch gar nicht im Gespräch“, so Anton Hofmann. Und als er dann da war, hat sich sein Sohn einfach in den ersten Wochen auf den Kindersitz des Bulldogs gequetscht und von dort die Fahrt überwacht.
„Man muss sich halt mit dem abgeben und schauen, wo die Behinderung liegt“, sagt Anton Hofmann. Lange Anweisungen zum Beispiel funktionieren bei Christoph nicht. Man muss ihm Schritt für Schritt sagen, was er tun soll. „Aber was er macht, macht er perfekt.“
Deshalb hat der Landwirt auch schon eine Fortbildung im Auge: Einen Melkkurs soll Christoph machen. Der kann sich damit zwar noch nicht recht anfreunden – Melken ist Chefsache, findet er – aber Anton Hofmann ist optimistisch: „Das machst du schon, da hab ich keine Bedenken. Das lockt bloß nicht so wie der Bulldog-Führerschein.“