Bad Wörishofen Beobachter hatten es befürchtet, als es dann tatsächlich passierte, waren die Beteiligten der Generalversammlung der Genossenschaft Allgäuer Bergbauern-Milch trotzdem fassungslos: Nur 69,6 Prozent der Eigentümer stimmten in Fischen für den Verkauf der Allgäuland-Käsereien GmbH an den Molkereiriesen Arla Foods. Um die unmittelbar von der Insolvenz bedrohte Allgäuland verkaufen zu können, ist aber eine Zustimmung von mindestens 75 Prozent nötig. Das Ergebnis war ein Schock. „Hinter den Kulissen flossen Tränen“, berichtet Stephan Heiß, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates von Allgäuland. Heiß ist im Werk Bad Wörishofen beschäftigt, das natürlich von der Abstimmung der Bergbauern ebenfalls betroffen ist. „Als Mitarbeiter fühlt man sich da ausgeliefert“, sagt Heiß. Immerhin geht es ja nicht nur um die Zukunft von rund 1800 Bauern, sondern auch um die Zukunft der rund 400 Mitarbeiter an den Allgäuland-Standorten. „Bergbauern kamen hinterher zu mir und haben sich für das Abstimmungsverhalten ihrer Kollegen entschuldigt“, berichtet Heiß. Er spricht von einem „enormen seelischen Druck“, der momentan auf den Mitarbeitern laste. „Die Angst kommt bei den Familien an, das wird bei den Bauernfamilien nicht anders sein“, glaubt Heiß.
Die Bergbauern sind eine von sechs Allgäuland-Genossenschaften, die bis zum nächsten Montag entscheiden müssen, ob Arla das Unternehmen übernehmen darf. Die Genossenschaften Milchwerk Donau-Alb und Milchwerke Bad Wörishofen haben dies bereits mit überwältigender Mehrheit bejaht. In Fischen hätten gestern 30,39 Prozent mit einem Nein abgestimmt, darunter „zahlreiche Mitglieder, die sich in Kündigung befinden“, teilt eine Allgäuland-Sprecherin mit. „Damit bestimmen Milcherzeuger, die sich bereits für einen anderen Weg entschieden haben, über das Schicksal der Mitglieder sämtlicher Genossenschaften sowie der Belegschaften in den Beteiligungsgesellschaften und Produktionsbetrieben.“
Arla hat den Bergbauern nun angeboten, bei einer zweiten Versammlung voraussichtlich am Montag, 12. September, erneut über den Verkauf der Anteile abzustimmen. Ein fairer Schritt, findet Heiß. „Arla könnte ja einfach auf die Insolvenz warten und dann kaufen“, sagt er. Auf diese Weise könnten sich die Skandinavier die lohnenden Teile von Allgäuland herauspicken und den Rest liegen lassen. „Arla will aber immer noch die anständige Lösung“, sagt Heiß. „Ich hoffe sehr, dass es am 12. September klappt.“ Die Bergbauern sollten sich „sehr gut überlegen, was sie da aufs Spiel setzen“. Immerhin hätten sie auch Verantwortung für ihre Mitarbeiter und die Genossen in den anderen Allgäuland-Genossenschaften.
Das Abstimmungsergebnis vom Mittwochabend bedeute auch, dass die Allgäuland-Käsereien GmbH „aus insolvenzrechtlichen Gründen bis 12. September kein Milchgeld auszahlen können“, wie das Unternehmen mitteilt. Das bedeute aber nicht, dass die Bauern kein Geld für ihre Milch bekommen. Wird Allgäuland verkauft, bekommen sie es nur später, erläutert Heiß.
Mit einem Verkauf wäre für die Bauern das Schlimmste ausgestanden, das haben am Wochenbeginn Aufsichtsrat und Geschäftsführung betont. Für die Mitarbeiter geht die Unsicherheit aber auch im Verkaufsfall weiter. Arla-Deutschlandchef Torben Olsen hat bislang keine Standortgarantien abgegeben. Bei den Bergbauern machte Olsen nach Medienberichten jetzt zwar die Zusage, den Standort Sonthofen zu erhalten. Mehr gibt es aber nicht. Der Mindelheimer Zeitung hatte Olsen gesagt, für das Milchwerk Bad Wörishofen gebe es immerhin eine gute Chance, dass Arla es behält. Der Betriebsratsvorsitzende Heiß teilt diese Zuversicht. „Ich glaube, dass Arla Bad Wörishofen erhalten will, denn es ist die Option da, dass man mit dem erzeugten Produkt in Amerika richtig Geld verdienen kann. Arla ist da vertreten, Allgäuland konnte das nicht.“ In Bad Wörishofen werden jedes Jahr rund 15000 Tonnen Emmentaler erzeugt. „In Amerika ist das eine Spezialität, hier gilt es nur als Massenware“, verdeutlicht Heiß den Unterschied.
Im Milchwerk Bad Wörishofen gab es gestern eine Betriebsversammlung. Trotz des Abstimmungsergebnisses der Bergbauern „war die Stimmung kämpferisch“, sagt Heiß. Ihn stört vor allem, dass konkurrierende Molkereien Allgäuland die Bergbauern abspenstig machen wollen. „Woher wissen Mitbewerber, was eine Insolvenz von Allgäuland kosten würde?“, fragt er. Dabei geht es um das Angebot eines Konkurrenten, der die Insolvenzverluste der Bauern mit einem Cent pro Kilogramm Milch auf eine bestimmte Zeit ausgleichen will. Die Bauern sollten sich fragen, ob dieser eine Cent ausreicht, rät Heiß. „Ich vermute eher, dass zwei oder drei Cent nötig sind“, sagt Heiß.
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