Die Ehe für Homosexuelle soll am heutigen Freitag die letzte parlamentarische Hürde nehmen, den Bundesrat. Michael Scharpf ist erleichtert. „Ich kann es gar nicht richtig fassen, dass es so weit ist.“ Der 53-Jährige hat zusammen mit seinem Partner Andreas Klemm vor einer Woche die Abstimmung des Bundestages über die sogenannte „Ehe für alle“ einschließlich des Adoptionsrechts vor dem Fernseher verfolgt. Die beiden leben seit 14 Jahren in Bad Wörishofen in einer eingetragenen Partnerschaft. Nun wollen sie die Möglichkeit nutzen, um zu heiraten.
Scharpf organisiert seit vielen Jahren das schwule Filmfest in Bad Wörishofen – heuer im 23. Jahr –, war Mitglied des Stadtrats und setzt als Vorsitzender des Verschönerungsvereins Akzente. Er steht zu seiner Homosexualität: „Umso offener man das lebt, desto leichter tun sich die Menschen damit“, sagt er.
Für Michael Scharpf ist das Ergebnis der Abstimmung im Bundestag vor allem ein symbolisches Signal. „Jetzt wird nicht mehr unterschieden, ob eine Ehe zwischen Mann und Frau mehr wert ist als zwischen zwei Frauen oder zwei Männern.“ Er habe es sich schließlich nicht ausgesucht, schwul zu sein.
Sollte nichts Unvorhergesehenes mehr passieren, gilt auch die Zustimmung im Bundesrat für die sogenannte Ehe für alle als sicher. Lediglich Nordrhein-Westfalen will sich enthalten. Von einem Vermittlungsausschuss war bis zuletzt nicht die Rede. Zudem handelt es sich bei dem Gesetz zur Ehe für alle nicht um ein sogenanntes zustimmungspflichtiges Gesetz. Das bedeutet, der Bundesrat könnte die Ehe für alle gar nicht mehr verhindern. Will er wohl auch gar nicht. Mehr noch: Der Gesetzentwurf kam einst aus dem Bundesrat. Vor zwei Jahren gab es dort dafür schon eine Mehrheit. Seit der Bundestag die Gleichstellung der Homosexuellen in Sachen Ehe beschlossen hat, wird öffentlich darüber diskutiert, ob das verfassungsrechtlich in Ordnung ist. Hätte zuvor das Grundgesetz geändert werden müssen? Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) verneinte das in dieser Woche. Derweil prüfen Abgeordnete der Unionsparteien eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht.
Michael Scharpf und Andreas Klemm blicken nun nach vorn. Sie haben schon begonnen, die Einladungsliste für ihre Hochzeit zu erstellen. „Wir versuchen das dann, in die Nähe unseres ursprünglichen Hochzeitstages zu legen, im September“, sagt Andreas Klemm. Das Paar ist in diesen Tagen gefragt. Bei Allgäu Life sagte Andreas Klemm unlängst, schon bisher sei das eine Ehe gewesen, nur eben nicht als solche anerkannt. Dass sich das Paar damals mit der Eintragung der Lebenspartnerschaft mehr Pflichten als Rechte aufgeladen hätten, daran erinnert Klemm ebenfalls. Erst mit den Jahren seien dann weitere Rechte dazugekommen, der Weg zur Gleichstellung bereitet worden.
Michael Scharpf freut sich über die hohe Akzeptanz für die Gleichstellung der Homosexuellen. „Es brechen ja auch keine spät-römisch dekadenten Zeiten aus“, scherzt Scharpf mit Blick auf Homophobie in anderen Ländern. Scharpf erinnert an die eigene Kindheit in einem konservativen, katholischen Elternhaus in Bad Wörishofen. „Gerne würde man dazugehören, so sein, wie alle“, gibt Scharpf Einblick in diese Zeit. „Ich habe mich lange genug mit der Frage gequält: Warum bin ich so?“ Aber irgendwann habe er beschlossen, sich nicht mehr verstecken zu wollen. Seine Erfahrungen waren positiv: „Ich habe hier nie Ausgrenzung oder Ablehnung erfahren.“ (mit dpa)