Wiedergeltingen Der Verlauf der Sitzung lässt sich nur anhand von Augenzeugenberichten rekonstruieren. Wenn man den Schilderungen einiger Mitglieder der Molkereigenossenschaft Wiedergeltingen aber glauben darf, muss es bei der Generalversammlung vor etwa einer Woche zu einem heftigen Eklat gekommen sein.
Etwa zwei Drittel der Stimmberechtigten verweigerten dem Vorstand die Entlastung und die Genehmigung des Geschäftsberichts. Schon zuvor hatten einige Milchbauern den Vorstand brüskiert, indem sie es abgelehnt hatten, wie sonst üblich per Akklamation über die Tagesordnung abzustimmen. Eine ordentliche Sitzung verläuft sicherlich anders. Woher stammt dieser Frust bei der Molkereigenossenschaft?
Wirtschaftliche Lage von Allgäuland falsch eingeschätzt?
Einige Mitglieder werfen dem Vorsitzenden Arnold Jaser vor, er habe die Genossenschaft in die Arme von „Allgäuland“ getrieben, und das zu einer Zeit, als es in dem Käsereienverband bereits heftig kriselte. Es hätte lukrative Alternativen gegeben, etwa ein Angebot der Karwendelwerke in Buchloe, die einen besseren Milchpreis versprochen hätten, heißt es aus Reihen der Milchbauern. Doch andere Optionen als den Anschluss an Allgäuland hätte Jaser bei der entscheidenden Generalversammlung 2009 gar nicht erst erwähnt.
Drei der etwa 50 Mitglieder haben sich damals deshalb dazu entschieden, die Genossenschaft zu verlassen. Andere schwankten, stellten zwischenzeitlich sogar die Milchlieferung ein. Die Zeit der Harmonie ist bei der Genossenschaft seitdem jedenfalls vorbei.
Die Talfahrt der Wiedergeltinger Genossenschaft, die noch 2007 mit geladener Politprominenz ihr hundertjähriges Bestehen euphorisch gefeiert hatte, begann 2008 auf dem Höhepunkt der weltweiten Wirtschaftskrise. In deren Folge habe der Vorstand Fehlentscheidungen getroffen und so für den Niedergang der Genossenschaft gesorgt, sagen viele Mitglieder. Zielscheibe des Unmuts und der Vorwürfe ist insbesondere der Vorsitzende Jaser. Statt in der schwierigen Wirtschaftslage Zurückhaltung zu üben, seien unter seiner Führung 1,6 Millionen Euro in neue Produktionsanlagen investiert worden.
Der einbrechende Preis für Schnittkäse, die Spezialität in Wiedergeltingen, und mit „Bayernland“ der Verlust eines wichtigen Kunden hätten dem Standort den Rest gegeben, sagen verärgerte Mitglieder. Ende 2009 ging die Molkereigenossenschaft in den Allgäuland-Käsereien auf.
Davon, dass zu diesem Zeitpunkt auch Allgäuland bereits ein großer Schuldenberg drückte, will der Vorstand der Wiedergeltinger Genossenschaft nichts gewusst haben. Der Vorsitzende Jaser hatte den Beitritt vor gut einem Jahr auch im Gespräch mit der Mindelheimer Zeitung damit verteidigt, dass bei Allgäuland bereits eine Restrukturierung eingeleitet worden sei, die wirtschaftliche Erfolg erwarten lasse.
Tatsächlich bekommt die Wiedergeltinger Molkereigenossenschaft bald aber wohl wieder einen neuen Herrn. Die kartellamtliche Genehmigung steht noch aus, vermutlich wird die Genossenschaft als Teil von Allgäuland aber demnächst dem Nahrungsmittel-Konzern Arla zugeschlagen.
„Allgäuland says yes to Arla“ verkündete das dänisch-schwedische Unternehmen vor gut zwei Wochen auf seiner Internetseite – Allgäuland sagt ja zu Arla. Einige Mitglieder der Wiedergeltinger Genossenschaft sehen die Marktmacht eines solchen europaweit agierenden Konzerns und die künftige Abhängigkeit von ihm mit äußerst gemischten Gefühlen.
Milchbauern haben kein sicheres Gefühl beim Milchpreis
Zwar habe Arla den Milchbauern, so Max Kienle, einer der drei Genossenschaftsabtrünnigen, für die nächsten sechs Monate einen guten Milchabnahmepreis vertraglich zugesichert, alle Zusagen über diesen Zeitraum hinaus seien jedoch äußerst „schwammig“. Kienle fühlt sich im Nachhinein in seiner Entscheidung bestätigt, der Genossenschaft zum Jahresende den Rücken zu kehren und künftig die Karwendelwerke in Buchloe zu beliefern.
Auch der Verlauf der Generalversammlung vor einigen Tagen hat Kienle in seiner Entscheidung noch einmal bestärkt. Ein Rücktritt des Vorstands hätte die einzige logische Konsequenz auf das mehrheitlich bekundete Misstrauen sein müssen, finden die rebellierenden Milchbauern. Stattdessen sei das Abstimmungsergebnis vom Vorstand ungerührt zur Kenntnis genommen worden und man sei schlicht zur Tagesordnung übergegangen.