Neu-Ulm Knorrig, kräftig, standhaft: Die Eiche gilt als Lieblingsbaum der Deutschen. Doch auch das Apfelbäumchen besitzt hohen Symbolwert. Schließlich hätte Martin Luther selbst dann noch eines gepflanzt, wenn er gewusst hätte, dass am nächsten Tag die Welt unterginge. Darum, ob ein junger Apfelbaum wertvoller ist als eine alte Eiche, geht es in einem Streit zwischen einem Landwirt und dem Naturschutzverband Gau. Das übliche Muster „Umweltschützer wollen alten Baum vor der Motorsäge retten“ scheint in diesem Zwist auf den Kopf gestellt.
Gefahr für Mensch und Natur
Ausgerechnet die Naturfreunde, so klagt die eine Seite, hätten dafür gesorgt, dass die wertvolle alte Eiche vor Kurzem gefällt werden musste. Beim Gau heißt es dagegen, dass der Baum schief und umsturzgefährdet gewesen sei, eine Gefahr nicht nur für die angrenzende Streuobstwiese, sondern auch für Passanten und den Straßenverkehr.
Tatsache ist, dass die etwa hundertjährige Eiche an einem Waldrand in der Nähe von Jedelhausen vor einigen Tagen gefällt wurde. Ein spezialisierter Baumkletterer hatte in einer aufwendigen Aktion zunächst die oberen Äste abgesägt und vorsichtig abgeseilt, damit sie keinen Schaden an den benachbarten Obstbäumen anrichten können. Erst dann konnte der Baum mit präzisem Motorsägenschnitt umgelegt werden. Das Waldstück, auf dem der Baum stand, gehört einem hochbetagten Landwirt, der in dieser Sache von seinem Freund, dem Sendener Bernhard Pilz, vertreten wird. Dieser klagt: „Der Baum musste aus einem völlig falschen Verständnis von Naturschutz heraus sterben.“ Der Vorwurf richtet sich ausgerechnet an den Gerlenhofener Arbeitskreis Umweltschutz, kurz Gau, und dessen Biologen Wolfgang Gaus. Der habe „keine Ruhe gegeben, bis die Eiche am Boden lag“, so Pilz.
An das Waldstück grenzt eine Streuobstwiese mit Apfelbäumen an, die der Gau vor Jahren angelegt hatte. Wolfgang Gaus berichtet, dass er mehrfach seiner Sorge Ausdruck verliehen habe, die Eiche könne umstürzen. Der Baum habe sich bereits bedrohlich geneigt, die Äste in der Krone seien dürr gewesen. Als er beim Waldbesitzer auf taube Ohren gestoßen sei, habe er die Stadt Neu-Ulm eingeschaltet. Die schickte dem Waldbesitzer die schriftliche Aufforderung, den Baum zu fällen.
Ein Vorgehen, das Bernhard Pilz wütend macht: „Der Baum war einfach schief gewachsen, ansonsten aber völlig gesund, sonst hätte er auch nicht die jüngsten Stürme völlig unbeschadet überstanden. Dass eine alte Eiche weniger wert sein soll, als ein junges Apfelbäumchen, das entbehrt jeglicher Logik.“ Der Lehrer sieht sich selbst als Naturfreund, mit seinen Schülern habe er immer wieder Umweltprojekte durchgeführt. Natürlich hätte an dem fraglichen Baum tatsächlich einmal ein Ast herunterbrechen können. Dies treffe aber für Tausende andere Bäume in der Gegend auch zu. „Nach dieser Logik müsste man halbe Wälder abholzen“, ärgert sich Pilz. Unter Waldbesitzern sei es im Übrigen völlig normal, Schäden durch Bäume an Grundstücksgrenzen einvernehmlich zu lösen. „Doch hier geht es offenbar darum, dass der Gau allein bestimmt, was ökologisch wertvoll ist und was nicht.“ Schweren Herzens habe der Eigentümer schließlich einer Fällung zugestimmt, um im Falle eines Falles nicht haftbar gemacht zu werden. Den alten Waldbesitzer habe dies sehr traurig gemacht, und ob der Verkauf des Eichenstammes die Kosten für die aufwendige Fällung decken kann, sei noch unklar.
Wolfgang Gaus dagegen betont, er habe es als seine Pflicht angesehen, auf den seiner Einschätzung nach akut umsturzgefährdeten Baum hinzuweisen. „Wir halten doch auf der Streuobstwiese Führungen ab, außerdem geht in der Nähe die Straße vorbei. Nicht auszudenken, wenn etwas passiert wäre. Da wäre doch gleich die Frage aufgekommen, warum ich als Biologe nicht gewarnt habe.“ Er wäre übrigens auch einverstanden gewesen, wenn die schiefe Eiche gesichert worden wäre, etwa mit einer Kette verankert, so Gaus. Doch das habe der Besitzer abgelehnt.
Erhebliches Kopfschütteln bei Landwirten und Jägerschaft
„Den Baum mit Ketten verankern, mit Stahlstreben abstützen oder am besten noch einbetonieren“, schimpft Bernhard Pilz, „solche Maßnahmen sind vielleicht im Englischen Garten in München üblich. Hier wäre das völliger Unsinn.“ Unter den örtlichen Landwirten und auch bei der Jägerschaft hat der Fall laut Pilz für erhebliches Kopfschütteln gesorgt. Außerdem habe der Gau bereits in anderen Fällen wertvolle Bäume einer „fragwürdigen Idee von Naturschutz geopfert“, so Pilz. Für Gaus sind die Vorwürfe „olle Kamellen“, dass etwa vor Jahren einige Pappeln am Plessenteich fallen mussten, sei nicht zu vermeiden gewesen. „Ich liebe alte Bäume, doch wenn es etwa darum geht, Lebensraum für Wiesenbrüter zu schaffen oder seltene Tierarten vor Raubvögeln oder Krähen zu schützen, dann muss auch mal ein Baum weichen“, sagt er. Jede Fällung sei stets von den Behörden genehmigt gewesen. Bernhard Pilz indes versteht die Öko-Welt nicht mehr: „Die Stuttgart-21-Gegner ketten sich an solche Bäume und hier fordern die Naturschützer, dass eine knorrige alte Eiche wegen eines Apfelbäumchens gefällt wird.“