Altenstadt Der menschenleere Hinterhof mitten in Altenstadt in der Memminger Straße wirkt wie ausgestorben. Die bröckelnden Mauern des grauen Hauses erzählen eine traurige Geschichte - eine wie es unzählige aus der Zeit des Hitler-Regimes gibt: Die jüdische Familie Strauss hat dort mit drei Töchtern gelebt; insgesamt 24 Juden verfrachteten die Nazis im Jahr 1939 in dieses Haus und legten ihnen strenge Einschränkungen auf. "Die Juden wurden mehr oder weniger eingesperrt", sagt Günther Backhaus. Er hat sich mit der Geschichte Altenstadts intensiv beschäftigt und führt am Sonntag, 5. September, anlässlich des Europäischen Tages der jüdischen Kultur über den jüdischen Friedhof in Illereichen (siehe Infokasten). Von Eva Büchele


An dem rötlichen Haus, gegenüber dem der Familie Strauss blättert die Farbe ab. Der Vorbau lässt erahnen, dass sich hier ein Geschäft befand. Dort war der jüdische Metzger, erzählt Backhaus.
Die jüdische Geschichte zieht sich entlang der Memminger Straße durch Altenstadt. Sie reicht bis zum Ende des 30-jährigen Krieges zurück. Damals siedelten sich wenige jüdische Familien in Altenstadt an. 1719 kamen dann weitere dazu. "Sie wurden als Steuerzahler von der Herrschaft geduldet", sagt Backhaus. Aus anderen Orten seien sie zum Teil vertrieben worden. Viele lebten in Dreifamilienhäusern, von der Herrschaft Limburg-Styrum erbaut. Reichere Familien besaßen die noblen Häuser mit Mansardendach, wie etwa das Hotel Fischer. Im Volksmund sprach man damals vom Judenwirt. Denn das Gasthaus gehörte einst einem Juden, der laut Backhaus auch den Altenstadter Turnverein mitbegründet hat. Denn das Miteinander von Christen und Juden war laut Backhaus eigentlich ein gutes.
Während einige, ehemals jüdische Häuser mittlerweile schön renoviert sind, hat an anderen der Zahn der Zeit genagt, wie am markanten Huith-Haus an der Memminger Straße. Es wird seit Jahren nicht mehr genutzt. Ein Investor wollte dort ein betreutes Wohnen einrichten. Doch weil das Haus unter Denkmalschutz steht, wäre eine Renovierung schwierig und teuer gewesen. Der Investor machte einen Rückzieher. Ein altbekanntes Problem in Altenstadt: Viele der ehemals jüdischen Besitztümer sind denkmalgeschützt, dürfen also kaum verändert werden. "Die - oft auswärtigen - Besitzer können oder wollen nicht in eine Renovierung investieren", bedauert Backhaus.
Denkmalschutz verhindert Abriss der alten Bleiche
Abreißen ist erst recht nicht erlaubt: Der Heimatkundler erzählt von der alten Bleiche, ein großes, tristes Gebäude am Bach. Obwohl 1996 die Mehrheit der Bürger dafür gestimmt hatte, das Haus abzureißen, verhinderte dies das Amt für Denkmalschutz. Jetzt verfällt es.
Früher aber war das Haus mit Leben erfüllt: Zehn jüdische Familien wohnten dort, sagt Backhaus. Das Zentrum der jüdischen Gemeinde hingegen wurde 1955 abgerissen. An dem Platz an der Memminger Straße zeichnen Säulen noch die Umrisse der Synagoge nach, die dort 1802 erbaut wurde. "Es war ein prachtvoller Bau", sagt Backhaus und deutet auf die Zeichnung an einer Info-Tafel.
In dem renovierten Gebäude an der Stirnseite des Platzes, in dem sich mittlerweile ein Geschäft befindet, wurden bis 1924 jüdische Kinder unterrichtet. Der letzte Lehrer, er wohnte im Obergeschoss, war Hermann Rose. Ihm ist es mit zu verdanken, dass heute so viel bekannt ist über das Leben der Juden in Altenstadt; Schließlich hat er die Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde aufgeschrieben, weiß Backhaus. In dem Gebäude hinter der Schule befand sich einst das jüdische Armenhaus. "Soziale Fürsorge war für Juden besonders wichtig", sagt Backhaus.
Nichts mehr übrig geblieben ist von der Mikwe, einem rituellen Tauchbad der Juden, das sich ebenfalls an diesem Platz befand. Es wurde 1976 abgebrochen - nach dem Zweiten Weltkrieg gab es keinen Juden mehr in Altenstadt, der es genutzt hätte. Aus den Konzentrationslagern ist keiner zurückgekehrt.
Einer aber, erzählt Backhaus, habe sich ins Ausland retten können. "Er kam nach dem Krieg zurück und stellte hier Lederhandschuhe her." An ihn erinnert das Haus an der Staatsstraße in Richtung Untereichen: "Leder-Handschuh-Fabrik" steht an der verwitterten Hauswand.
An die Töchter der Familie Strauss - wie an die anderen Juden, die einst in dem grauen Haus gegenüber der jüdischen Metzgerei gelebt hatten - erinnert nur noch eine Steinplatte auf dem jüdischen Friedhof in Illereichen: Auf dieser sind die Namen all derer notiert, die im KZ ihr Leben ließen.
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