Ulm In Berlin klingt der Balkan glamouröser als anderswo. Und das liegt vor allem an Miss Platnum. Die im rumänischen Temeswar geborene Sängerin bringt in ihren Songs zusammen, was zunächst unvereinbar scheint: das Gefühl Südosteuropas und den Sound aktueller amerikanischer R'n'B-Produktionen. Eine ziemlich unwiderstehliche Mischung, die auch auf dem Ulmer Marktplatz für Euphorie sorgte, wo Miss Platnum gemeinsam mit der - ebenfalls aus der Hauptstadt stammenden - Combo Berlinski Beat auf der Donaufest-Bühne spielte. Von Marcus Golling


Letztere sind eigentlich aus einem ganz anderen Kontext bekannt: Als Corvus Corax genießt die Gruppe vor allem in der Mittelalter-(Rock-)Szene größte Wertschätzung. Als Berlinski Beat erobern sie nun neues Terrain: Gemeinsam mit dem DJ Robert Soko, der Beats beisteuert, versuchen sie sich seit einiger Zeit an einem tanzbaren Balkan-Sound - und feierten damit in Ulm Premiere.
Lagerleben statt Balkandisco
Lederwams und Klingelschuhe wurden gegen dunkle Anzüge eingetauscht, die Instrumente sind aber geblieben: Und so musizieren die sympathischen Berliner mit Flöte, Dudelsack und Laute. Das ist unterhaltsam und ziemlich flott, klingt aber zumeist immer noch wie Corvus Corax, allerdings im Seeed-Remix. Das liegt zum guten Teil auch an den schnarrenden Bühnenansagen und den Texten ("Tanze, tanze, du Berliner Pflanze!"), die immer noch eher ans Lagerleben als an die Balkan-Disco denken lassen.
Der Gegensatz zu Miss Platnum könnte nicht größer sein: Die Show der Sängerin aus dem Banat wäre auch bei den MTV Awards immer noch ansehnlich - neben einer sechsköpfigen Begleitband unterstützen zwei Begleitsängerinnen in goldenen Kleidchen die erblondete "Chefa". Die hat, passend zum Namen, ein platinglänzendes Outfit angelegt, dessen Schnitt allerdings eher nach Temeswar als nach New York City aussieht - es geht um die Heimat, und so mischen sich in die ziemlich transatlantischen Beats eben Balkan-Bläser. Und auch die Themen sind so gar nicht Mainstream-R'n'B-tauglich: Bei Miss Platnum geht es um Alkohol ("Drink, Sister, Drink"), Geldprobleme ("I'm Broke") und sogar ums Essen: "I am Romanian, I love to eat, it's in my genes" ("Ich bin Rumänin, ich liebe es zu essen, es steckt in meinen Genen") singt sie in "Give Me The Food" - und verschwindet danach für kurze Zeit hinter der Bühne. Um eine Kleinigkeit zu essen, wie die eher barock geformte Sängerin sagt. Ihre Band darf unterdessen mal alleine zeigen, wie viel Power ihr Balkan-Sound hat. Die zwei Sängerinnen, die "goldenen Babuschkas", dürfen später auch noch mal auftrumpfen.
Frisch gestärkt, auf jeden Fall aber frisch umgezogen kehrte Miss Platnum, die als achtjährige nach Deutschland kam, zurück auf die Bühne. Mit noch einer ganzen Latte von Hits wie dem frechen "Mercedes Benz", jeweils begleitet von kleinen, immer auch ein wenig folkloristischen Choreografien. Das Publikum tanzte, gar nicht schwäbisch-zurückhaltend, begeistert mit. So waren Miss Platnum und ihre Mitmusiker am Ende auch etwas aus der Puste. Zur Stärkung gab es einen Schnaps. So feiert der Balkan.
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