Ulm Der frühere Manager von Schalke 04, Rudi Assauer, leidet an Alzheimer – durch diese Nachricht ist die Krankheit, die die häufigste Form von Demenz ist, wieder verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Das unwiederbringliche Verlöschen der Erinnerungen ist jedoch ein Leiden, das Hunderttausende Menschen aus allen Gesellschaftsschichten betrifft – zunehmend auch Jüngere. Das vom evangelischen Diakonieverband Ulm/Alb-Donau getragene Projekt Demenz Ulm“ hat vor einiger Zeit einen Gesprächskreis für Menschen mit beginnender Demenz eingerichtet.
Das ist neu und ungewöhnlich. Bis dahin waren nur Begegnungen von Angehörigen dementer Patienten üblich, die bei Kaffee und Plätzchen Erfahrungen austauschten und sich Mut machten fürs weitere Zusammensein mit den Kranken.
Demenz, das unaufhaltsame und vorerst nicht heilbare Schwinden der Sinne, überkommt die Betroffenen in der Regel nicht sofort mit voller Wucht. Die Trübung des Bewusstseins zieht sich – anfangs kaum wahrgenommen – zumeist über einen langen Zeitraum hin. Daraus haben Diakonin Barbara Eberle und Sozialfachwirtin Alexandra Werkmann, die gemeinsam das Projekt Demenz Ulm betreuen und weiterentwickeln, die Lehre gezogen. Es sollte möglich sein, war ihre Überlegung, Menschen mit ersten Anzeichen einer aufkommenden Demenz gezielt auf ihre künftige Situation vorzubereiten. Daraus ist der Gesprächskreis für Menschen mit beginnender Demenz hervorgegangen, der vierzehntägig im Haus der Begegnung zusammenkommt. Die kleine Gruppe von etwa vierzehn Männern und Frauen, die sich zu ihrer Krankheit bekennen und aus Gesprächen mit anderen Betroffenen Lehren ziehen wollen fürs eigene Verhalten in der neuen Situation, wird von Alexandra Werkmann und Ulrike Domay-Weil von der psychologischen Beratungsstelle des Diakonieverbands betreut.
Solange sie den Weg noch findet, will sie kommen
„Solange ich den Weg in den Gesprächskreis noch allein finde,“ sagt Frau M. als Betroffene zögernd, „solange will ich hier auf alle Fälle weiterhin mitmachen.“ Sie vermutet allerdings, dass sie das schon in einem Jahr allein nicht mehr schafft. Im Augenblick setzt sie sich noch ehrenamtlich im Alten- und Pflegeheim St. Anna-Stift an der Ulmer Zeitblomstraße ein. „Ich rechne allerdings damit,“ sagt die zierliche Frau, „dass ich bald selbst schon in das Stift einziehen muss.“
Die Teilnehmer am Gesprächskreis gehen erstaunlich sachlich und noch selbstbewusst mit den Symptomen ihrer Demenz um. Sie wissen, dass sich ihre Erkrankung nicht aufhalten lässt. Sie können sich auch etwa vorstellen, wohin ihre begonnene geistige Einschränkung sie schließlich führen wird. Sie sind ehrlich gegen sich selbst. Erst mal haben sie, die da am runden Tisch im Haus der Begegnung sitzen, Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis. „Daran habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt,“ sagt Herr D. „Ich weiß alles, was früher war. Ich kann mich aber oft nicht erinnern, was gestern war oder was soeben in einer Unterhaltung gesagt wurde.“„Die Leute kommen zu uns,“ sagt Sozialfachwirtin Alexandra Werkmann, „weil sie hier Erfahrungen von anderen übernehmen und sich auf zu erwartende Situationen ein wenig vorbereiten können.“ Sie versuchen, mit den sich verstärkenden Defiziten umzugehen und dazu geeignete Techniken zu entwickeln. Alexandra Werkmann und Ulrike Domay-Weil kennen ihre Besucher im Gesprächskreis recht gut.
Auf Befragen versichert Herr W., er sei im Arbeitsleben Kfz-Mechaniker gewesen. Frau Werkmann erinnert ihn daran, er habe doch früher schon mal Polizist als Beruf angegeben.
Beides sei er gewesen, erklärt Herr H. nun voller Gewissheit, „aber immer in einem Büro.“ Und Frau K., deren achtjähriger Enkel an Leukämie leidet, weiß trotz ihrer einsetzenden Demenz noch sehr viel über diese Krankheit. „Aber ich habe kein Gedächtnis mehr für Zahlen.“ Die Symptome sind anfangs durchaus unterschiedlich. Am Ende aber ist das Nichts.