Immer mehr Arbeitnehmer brechen unter ihren Belastungen zusammen Von Oliver Helmstädter
Ulm Seit dem Jahr 2000 haben sich nach Angaben des Bundesverbands Mittelständischer Wirtschaft BVMW die Fälle von Arbeitsunfähigkeit aufgrund von psychischen Erkrankungen um 51 Prozent erhöht, die Zahl der Krankentage sogar um 62 Prozent. Oftmals lautet die Diagnose: Burn-out, ausgebrannt. Das Thema Burn-out ist nicht nur in Fernsehsendungen in aller Munde. So veranstaltete die BVMW Geschäftsstelle Ulm, Neu-Ulm diese Woche eine Diskussion rund um Burn-out sowie „Gesunde Führung“. Und die Ulmer SPD-Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis besuchte Dr. med. Edmund Beltz, den Chef des Ulmer Instituts für Arbeitsmedizin, das bundesweit zu den führenden Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen für Gesundheitsvorsorge, Arbeitsschutz und Gesundheitsmanagement gehört.
Das Ulmer Institut besteht seit 25 Jahren und betreut deutschlandweit über 100000 Arbeitnehmer aus allen Branchen, sodass die Einschätzung von seinem Gründer, Geschäftsführer und ärztlichem Leiter Beltz Gewicht hat. „Die Tendenz von Burn-out ist eindeutig steigend. Hier besteht Handlungsbedarf.“ Der Mangel an Gesundheitsvorsorge und zuverlässigem Arbeitsschutz in dieser Sache schade nicht den Betroffenen, sondern auch den Arbeitgebern.
Durch immer effizienter werdende Arbeitsabläufe steigt der Druck auf die einzelnen Arbeitnehmer, sagt Beltz. Einfaches Beispiel: „Wenn Mitarbeiter eines Kaufhauses früher noch ein halbes Stockwerk unter sich hatten, ist es heute das ganze.“ Die Arbeitgeber werden nach seinen Erfahrungen aber erst hellhörig, wenn die Leistung nicht mehr stimme. Dabei sei es eigentlich möglich, die Symptome früher zu erkennen. Beltz fordert, dass sich die Wissenschaft eingehend mit dem Massenphänomen befasst. „So richtig definieren kann doch keiner den Burn-out.“ Ein Problem sei auch, dass die Behandlung von Burn-out keine Lobby in Pharmaindustrie und Ärzteschaft habe.“ Jemand, der unter nächtlichem Schwitzen leide – ein möglicher Vorbote von psychischen Problemen – werde lieber zum Kardiologen geschickt. Und der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte sei leider nicht progressiv genug, um dem Thema auf die politische Agenda zu verhelfen.
Einig waren sich die Politikerin Mattheis und Arbeitsmediziner Beltz, dass ein Präventionsgesetz ein Anfang wäre. Mattheis und ihre SPD-Fraktion fordern eine umfassende Präventionsstrategie. Diese müsse unter anderem Gesundheitsförderung als vierte Säule neben Kuration, Pflege und Reha etablieren. „Das Gesetz dafür liegt in unserer Schublade“, sagte Mattheis. Denn die Arbeitgeber hätten eine Fürsorgepflicht.
Die „Ressource Mensch“ und ihr Management
Unter dem Titel „Gesundheit ist nicht alles – aber ohne sie ist alles nichts!“ thematisierte jüngst der Mittelstandsverband BVMW Burn-out und „Gesunde Führung“, wie Experten ein ganzheitliches Management der „Ressource Mensch“ nennen.
Viele große Firmen wie Daimler haben eigene Abteilungen, die das Thema Gesundheit im Unternehmen betreuen. Dass auch mittelständische Firmen mit geringeren finanziellen Ressourcen etwas tun können, betont Karl-Heinz Raguse vom BVMW Ulm/Neu-Ulm: „Es geht zunächst um einen internen Wertewandel und die Einbettung des Themas in die Unternehmensphilosophie.“ Arbeitsmediziner Belz ist jedoch überzeugt, dass das Thema darüber hinaus einen gesetzlichen Rahmen brauche, der Vorsorgeuntersuchungen zur Pflicht statt Kür macht, damit der Burn-out nicht länger Konjunktur hat.
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