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Serie (3): Den Dreh raus haben

Serie (3)

Den Dreh raus haben

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    Den Dreh raus haben
    Den Dreh raus haben

    Irgendwann ist immer das erste Mal. Das haben sich auch die Redakteure der Neu-Ulmer Zeitung gedacht – und beschlossen, Dinge auszuprobieren, die sie noch nie getan haben – kosten sie noch so viel Überwindung und körperlichen Einsatz. Wie es ihnen dabei ergangen ist, schildern sie in dieser Serie.

    Aufheim Sie ist das Instrument der Gaukler und Straßenmusiker. Aber auch Bänkelsänger benutzten sie: die Drehorgel. Im gleichen Atemzug fällt in Aufheim der Name Ludwig Rommel, auch „Orgelhannes“ wegen seines zweiten Vornamens genannt. Ein Urgestein des örtlichen Faschings darf auf keinem Fest des Seniorentreffs fehlen. Für kurze Zeit in die Rolle Rommels zu schlüpfen, dazu muss man den Dreh jedoch raus haben. Der 87-Jährige, agil seit eh und je, gab eine Lehrstunde und ließ sich über die Schulter blicken.

    Die ewige Jugend scheint er gepachtet zu haben. Mit Tatkraft und Optimismus bringt er dem „Nachwuchsmusikanten“ die Flötentöne bei. Immer wieder blitzt dabei sein unverwechselbarer Humor auf, der ihn als ehemaliger Präsident des Carneval Clubs Illertal, Ideengeber der „Sieben-Schwaben-Vereinigung“ aus Faschingsgesellschaften des Ulmer Winkels und Chef des „Clubs der netten Leute“ auszeichnete. Die Drehorgel ist ein wenig Ersatz für die Bütt, in der er legendäre Reden schwang und Bundes- sowie Lokalpolitik aufs Korn nahm.

    Von dem Instrument geht eine gewisse Faszination aus. Ludwig Rommel entlockt dem Leierkasten scheinbar mühelos die Melodien. Zunächst ist „handwerkliches“ Geschick gefragt, um die Drehorgel in Gang beziehungsweise zum Klingen zu bringen. Das An-der-Kurbel-drehen ist schneller gesagt als getan. Viel „Taktgefühl“ und natürlich ein Quäntchen Musikalität gehören dazu. Die Drehorgel hat eigens eine Schublade, in der die Rollen mit den Titeln ruhen. Darunter finden sich Evergreens aus der Schlager-Sparte, volkstümliche „Ohrwürmer“ aber auch balladenartige Bänkellieder oder Moritaten. Also frisch ans Werk: Den Leierkasten oben aufgemacht und die Lochbandrolle, auf der sich die Lieder befinden, in der Halterung verankert. Auch das braucht Zeit – versteht sich und klappt nicht das erste Mal. Das „Einfädeln“ an den Walzen ähnelt einem Film, der in den Fotoapparat gelegt wird. Dann den Triebel eingehängt und dran gedreht. Zwei, dreimal holt die Drehorgel tief Luft - und dann ertönt’s sozusagen aus vollem Rohr. Vorausgesetzt die Register für Trompeten sind gezogen. Für zartere Klänge sorgen die Flöten – ganz nach Belieben.

    Das kleine, spontane Standkonzert vor der Druckerei Rommel – es erklingt fulminant der „Zillertaler Hochzeitsmarsch“ – hat Nachbarn angelockt. Rasch ist der Funke übergesprungen. Im Rhythmus wippen die Zuhörer mit dem Fuß und verfolgen mit Schmunzeln, was da an ihr Ohr dringt – und wie der „Orgelschüler“ sich abmüht. Denn das Kurbeln macht sich langsam im Oberarm bemerkbar. Darüber hinaus braucht es ein gerüttelt Maß an Übung, gleichmäßig zu drehen. So klingt manches am Anfang etwas schräg. Beim Plattenspieler heißt das: der „eiert.“ Dass dieses Manko nicht sofort behoben werden kann, quittiert das Auditorium mit Humor. Und letztlich hat sich die Mühe gelohnt: Es wird heftig applaudiert.

    Umwerfend schicke knallgelbe Fliege

    Auch Ludwig Rommel ist ganz von den Socken. Nicht nur, weil das fürs erste Mal schon ganz toll geklungen hat, sondern auch über das Outfit, in der er seinen Schüler gesteckt hat. Und der ist sich der Ehre wohl bewusst. Zumal es des Meisters Eigen ist: Zylinder, kariertes Jackett mit Blümchen in der Brusttasche und – nicht zu vergessen – die umwerfend schicke knallgelbe Fliege als zusätzlicher Hingucker. Alles passt fast wie angegossen. Sogar der kleine Harlekin aus Holz, der die Drehorgel schmückt, schlägt begeistert im Takt die Schellen. Er lädt dazu ein, im Zirkus „Cocolastro“ – Park der Erlebnisse – wie es auf dem kunstvollen Schnitzwerk heißt, die Seele baumeln zu lassen und sich ganz der Musik aus dem Instrument hinzugeben, das übrigens einst dem Schauspieler Günter Strack gehörte. Dann gibt der Meister selbst sein Können zum Besten. Eines der Lieder aus seinem Repertoire ist der Renner bei Geburtstagen, die er stets schwungvoll umrahmt – auch mit Worten. „Bin der alte Orgelmann, bekannt in allen Gassen“ – auf das Stück „Gold und Silber lieb ich sehr“ reimt Rommel die zum Anlass passenden Texte.

    „Ich will, dass die Menschen sich freuen“, dieses Credo, das Ludwig Rommel nicht müde wird anzustimmen, hat sich wieder einmal bestätigt. Nicht aber, dass er am Leierkasten einen Nachfolger gesucht und gefunden hat, wie mancher vor Ort vielleicht geglaubt haben könnte. Dieses Privileg obliegt natürlich weiterhin, wie könnt’s auch anders sein, dem „Orgelhannes“ aus Aufheim.

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