Neu-Ulm Gut 25 Leute stehen im Sitzungssaal des Neu-Ulmer Rathauses verteilt. Wenn eine Klingel ertönt, setzen sie sich in Bewegung und laufen im Uhrzeigersinn weiter. Doch hinter dem seltsamen Schauspiel, das irgendwie an die „Reise nach Jerusalem“ erinnert, steckt eine ernste Absicht: Bei den gut zwei Dutzend Leuten handelt es sich um Gewerbetreibende, Händler und Dienstleister aus Neu-Ulm, die gemeinsam an einem „Erfolgskonzept“ für die Innenstadt feilen wollen.
Das Treffen am Donnerstagabend ist bereits das fünfte im Rahmen einer Initiative, mit der die Neu-Ulmer Innenstadt wiederbelebt werden soll. Angeleiert hat sie im vergangenen Herbst die Neu-Ulmer Gewerbevereinigung „Wir in Neu-Ulm“ (WIN) unter Federführung des Optikers Stephan Salzmann. Diesmal läuft die Zusammenkunft als Workshop ab. Mit dicken Filzstiften bringen die Teilnehmer deshalb ihre Gedanken auf großen Blättern, die an den Wänden des Rathaussaals hängen, zu Papier.
Unter „Welche Potenziale haben die Einzelhändler“ notieren sie beispielsweise Fachkompetenz und kleine Familienbetriebe. Als Stärken Neu-Ulms werden unter anderem die gute Erreichbarkeit und die Übersichtlichkeit genannt. Auch mit Kritik geizen die Teilnehmer nicht: Keine Altstadt, keine richtige Fußgängerzone, keine Parkplätze, die geringe Auswahl an Geschäften und die kurzen Ladenöffnungszeiten sind in ihren Augen klare Schwächen. Und manch einer sieht die Sache sogar mit einer Portion Selbstironie: Unter die Frage „Warum kommen die Leute nach Neu-Ulm“ schreibt ein Teilnehmer die Antwort: wegen des tollen Blicks auf Ulm.
Suche nach einem neuen Slogan
In drei Gruppen werden einzelne Themen anschließend vertieft. Die einen betreiben Brainstorming auf der Suche nach einem neuen Slogan für Neu-Ulm. Vorschläge wie „Freundliches Neu-Ulm“ – als Abgrenzung zum unpersönlichen Ulm – „Zu Gast bei Freunden“ oder „Buntes Neu-Ulm“ geisterten dabei durch den Raum. Wobei man auch zu bedenken gab, dass „Wir in Neu-Ulm“ doch gar nicht so schlecht sei. „Das schließt alle mit ein und signalisiert Gemeinschaft“, merkte ein Gewerbetreibender an.
Eine andere Gruppe widmete sich der Glacis Galerie, die die Neu-Ulmer Einkaufswelt ab 2012 grundlegend verändern wird. Zu derzeit rund 10000 Quadratmetern Verkaufsfläche werden dann weitere 25000 dazukommen. Klagen, dass man in Neu-Ulm nicht einmal eine Hose kaufen könne, wird es Bernd Neidhart vom Stadtentwicklungsverband zufolge dann nicht mehr geben. „Dadurch wird das Sortiment rund um Neu-Ulm zur richtigen Einkaufsstadt.“ Andererseits werde natürlich auch die Konkurrenz zunehmen. „Wie erreichen wir Augenhöhe mit der Galerie?“ lautete deshalb die entscheidende Frage.
Doch den Neu-Ulmer Händlern scheint nicht bange zu sein: Man könnte dem künftigen Centermanagement anbieten, sich einfach am „Spezialitätenführer“ – eine Broschüre, in der sich Händler, Dienstleister und Gastronomen vorstellen – zu beteiligen. Nach dem Motto: Wir sind schon da, lasst es uns gemeinsam anpacken. Die Zahl der in dem Führer vertretenen Geschäfte würde dadurch auf rund 150 steigen, sagte Neidhart.
Auch gemeinsame Werbung mit der Glacis Galerie oder gemeinsame Gutschein- oder Rabattaktionen – angedacht wurde unter anderem eine Neu-Ulm Card – halten die Neu-Ulmer Händler für möglich. Zudem müsste der Einzelhandel seine Präsenz im Internet verstärken, im Idealfall mit einem gemeinsamen Online-Auftritt. Denn der neue Einkaufstempel werde sicherlich mit einer einwandfreien Homepage daherkommen, da müsse man mitziehen.
Eine dritte Gruppe sammelte bereits konkrete Maßnahmen, um das Image der Neu-Ulmer Innenstadt aufzupolieren. Zur Diskussion gestellt wurden unter anderem ein gemeinsamer Tag der offenen Tür sowie die Suche nach einem Markenzeichen. Angedacht ist außerdem eine Besucherstrukturanalyse mithilfe kurzer Fragebögen, um herauszufinden, woher die Kunden in Neu-Ulm eigentlich kommen und wie alt sie sind.
Zugleich zeigte sich bei der Zusammenkunft im Rathaus, dass Stephan Salzmann längst kein Einzelkämpfer mehr ist. Auf die Berichterstattung über einen künftig benötigten City-Manager – Salzmann sprach auch von einem „Kümmerer“ – hin, hat sich der Ulmer Günter Luib bei WIN gemeldet. Er erklärte sich bereit, dieses Amt ehrenamtlich auszuüben, um Neu-Ulm zusammen mit Händlern und Dienstleistern wieder attraktiver zu machen.
Luib will sich in den kommenden zwölf bis 15 Monaten – diese Frist hat er sich für die Realisierung der ersten Aktivitäten gesetzt – voll und ganz diesem neuen Amt widmen: „Ich sehe das als neue Herausforderung an, in der ich meine ganze Erfahrung, mein Wissen und mein Engagement einbringen werde“, versprach er. Zudem konnte WIN in den vergangenen Wochen zehn neue Mitglieder begrüßen, berichtete Salzmann weiter. Die Mitgliederzahl ist damit auf insgesamt 32 angestiegen.
Aus den am Donnerstag diskutierten Themen sollen nun Arbeitsgruppen gebildet werden, für die sich die Gewerbetreibenden anmelden können. Ein weiterer Arbeitskreis soll sich mit einer neuen Beitragsordnung befassen. Denn derzeit entrichten die Mitglieder nur einen Obolus an die Vereinigung, so Salzmann. Für all die geplanten Aktionen benötige man aber mehr Kapital. Die Hälfte des Budgets, so hofft der WIN-Vorsitzende, könnte in Zukunft als Zuschuss von der Stadt kommen.