Ulm. Am Ende gehen immerhin alle klüger nach Hause, das muss man Bastian Sick lassen: Bei seinem jüngsten Auftritt im Ulmer Roxy lernen die rund 200 Besucher unter anderem, dass die Deutschen dem Kirchenlieddichter Philipp von Zesen (1619-1689) so schöne Wörter wie „Leidenschaft“ oder „Weltall“ verdanken; oder dass das beliebte Sauerrahmprodukt nicht etwa „Schmand“, sondern „Schmant“ geschrieben wird – das Wort kommt aus dem Tschechischen. Doch sonst bleibt sein Programm „Aus Jux und Tolleranz“ ausgerechnet die Dinge schuldig, die der Titel verspricht.
Bastian Sick hat seine Verdienste: Mit seiner Sprachpfleger-Kolumne „Zwiebelfisch“ auf dem Online-Portal des Spiegel sensibilisierte er viele Leser für die Fallen, aber auch für die reizvolle Komplexität des Deutschen, in Buchform wurden sie unter dem Titel „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ (in mittlerweile vier Teilen) zum Sachbuch-Bestseller. Zumindest in den ersten Jahren war es lehrreich und unterhaltsam, wie Sick gegen überflüssige Anglizismen („Sinn machen“) und den „Deppenapostroph“ ins Feld zog.
Warum Sicks erfolgreiche Kärrnerarbeit im Feld der Sprache allerdings den Sprung aus Internet-Kolumne und Buch auf die Bühne machen musste, das erschließt sich im Roxy nicht – die Lukrativität einer solchen Zweitvermarktung mal außer Acht gelassen. Denn davon, „die Grammatik rocken zu lassen“, wie es der Autor zu Beginn ankündigt, kann in der Folge keine Rede sein, die freiwillige „Doppelstunde Deutsch“ ist ähnlich ermüdend wie das Original im Klassenzimmer.
Das liegt am Präsentator, der zwar versucht, mit komödiantischen Elementen Tempo aufzunehmen, sich aber doch verkrampft an seinen Textkarten festhält – und so gestelzt doziert wie Joachim Bublath nach einer Überdosis Koffein. Dass der Abend dahindümpelt, liegt aber auch an den Texten selbst, die oft nur das Lamento eines Kulturpessimisten sind: Sicks Klage darüber, dass statt schöner französischer Begriffe wie „Rendezvous“ heute Amerikanismen wie „Date“ das Deutsche okkupiert haben, ist kaum mehr als eine gut recherchierte Vergleichstabelle. Und wenn er bei einem Quiz erklärt, dass es richtig nicht etwa „Kongreß-Centrum“ oder „Congress Centrum“ heißen kann, sondern nur „Kongresszentrum“, übersieht er wohl den wahren Grund für die „internationalen“ Schreibweisen: Kein Kongresszentrum möchte gerne „KZ“ abgekürzt werden.
In Sprache spiegelt sich auch Politik und Geschichte, und sie verändert sich mit den Menschen, die sie sprechen. Diese Dimension spielt bei Sick kaum eine Rolle, bei ihm gibt es nur richtig und falsch. „Durch die Sprache wird bestimmt, was wir denken, wer wir sind“, singt Sick zur Pause. Es klingt wie: Wer nicht gut schreiben kann, ist kein guter Mensch. Live wirkt bei Sick vieles wie die Erbsenzählerei eines Oberlehrers: Das Bildungsbürgertum rächt sich mit Duden und Rotstift am Sprachproletariat, das freilich der Veranstaltung ferngeblieben ist.
Amüsant ist das Programm nur dann, wenn Sick in einer Diashow seltsame Namen und Schreibfehler präsentiert: Vom Fachhändler „Reifen-Platt“ bis zum Fuhrunternehmen „Geisel-Transporte“, vom „Bissnesslantsch“ bis zum (oder zur?) „American Cheeskacke“ – wohl bekomm’s. Im Internet gibt es viele Bildergalerien mit solchen Missgeschicken, durch die man sich zuhause bequem mit der Computermaus klicken kann. Ins Roxy muss man für diesen Jux nicht gehen.