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Comedy: Ein narrensicherer Rockstar

Comedy

Ein narrensicherer Rockstar

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    „Wenn ihr darüber lacht, seid ihr integriert, wenn nicht, müsst ihr Ulm und Neu-Ulm wieder verlassen.“Bülent Ceylan in der Ratiopharm-Arena
    „Wenn ihr darüber lacht, seid ihr integriert, wenn nicht, müsst ihr Ulm und Neu-Ulm wieder verlassen.“Bülent Ceylan in der Ratiopharm-Arena

    Neu-Ulm/Ulm Zwei ausverkaufte Abende vor über 8000 Zuschauern: ein Kraftakt, den einer aus der kleinkunstträchtigen Zunft der Komödianten vor 16000 Augen diesem Verwandlungskünstler erst mal nachmachen muss. Bülent Ceylan ist so einer, der dieses Kunststück in Neu-Ulms Ratiopharm-Arena mit der Aura eines begnadeten Ich-Erzählers und dem krachenden Wunderwerk der Technik stemmt. Und von elf bis 71 hängen sie alle an den Lippen dieses solistischen Komiker-Kämpen, der drei Stunden lang im Wechselbad seiner Kreaturen alles, nur nicht eines kann: seinen Fans nicht seine Seele blankzuschaufeln – doch sie nicht zu verkaufen.

    Die Hundertstelsekunden rasen, Sekunden flutschen, die Minuten verrinnen: 3, 2, 1 – links und rechts der noch abgedunkelten Mammutbühne sprudeln die digitalen Ziffern im Display einer TÜV-Plakette. 0, das Licht explodiert, ein Aufschrei rotiert bis unters Dach der Publikumsarena. Lila Laser zucken unters Dach, eine Metal-Soundspritze aus den Boxen erschüttert das Zwerchfell, im zentralen Button der Bühnenmitte erglüht das rote „B“: Wie ein Rockstar prescht Bülent Ceylan nach vorne und schüttelt seine lange Haarpracht in der Kopfbeuge. „Oh, das war geil“, sind seine ersten Worte. Links und rechts vergrößern zwei Monitore jede Gesichtsregung des Entertainers in die hundert Meter Distanz zum Anfassen. „Produzier mich net“, prangt auf dem T-Shirt-Aufdruck als gewitzter Warnhinweis, den der 36-jährige Gib-Gas-Gladiator mit dem hessisch-türkischen Dialektmundwerk sogleich zurechtstutzt. „Ich muss was trinken, man wird älter“.

    Wo ist er denn jetzt, in Ulm oder Neu-Ulm? „Ulm ist eine Stadt“, gibt er dem württemberg-bayerischen Großraum an der Donau absolut weltkundig eins über die Löffel. Dann packt der Sohn eines türkischen Gastarbeiters und einer deutschen Mutter die Nationalitäten beim Schopf: „Türken, die haben wir noch hier. Griechen, habt ihr schon bezahlt? Bald seid ihr wieder Türkei.“ Weicher Wortwitz, mit hartem Hintersinn serviert, ein Volltreffer. Und der Entertainer legt noch einen drauf: „Wenn ihr darüber lacht, seid ihr integriert, wenn nicht, müsst ihr Ulm und Neu-Ulm verlassen.“ Klar, vom Bühnenschauplatz sehen alle Menschen gleich aus. Und die Deutschen, die haben die DDR geschrottet, „und jetzt haben wir Facebook“. Und dass Ratiopharm nicht nur mit Basketball oder Kulturevent etwas zu tun hat, sondern auch mit Tabletten, nutzt er beflissentlich als stimulierendes Showelement.

    Oh je, kleine Sarah, früher ist man noch zum Fernseher gelaufen und hat die Ein-Taste gedrückt. „Das waren dicke Dinger“. Jetzt machen wir alle ein Foto. Sämtliche Handys und Digitalapparate dürfen ran. Eins, zwei drei, ein Blitzlichtgewitter entlädt sich lautlos in der Halle wie eine Flutwelle von Glühwürmchen, das Bülent entzückt und herausfordert: „Es juckt und juckt – und hört nicht mehr auf.“

    Im improvisierenden Plauderton hat sich der Fernsehstar ganz spielerisch in Hochform geschaukelt. Das Hauptmenü folgt. Seine Requisiten bilden als stramme Helferlein im Rückraum Spalier: acht skulpturale Gasfackeln als metallische Käfige, die Feuer spucken und auch noch zum Garderobewechsel taugen. Bülent, der türkische Basarfeilscher und Märchenonkel, den seine Kindheit mit dem deutschen Spießeropa unter den schwarzen Haarbüscheln juckt. Blass war er als Bub, musste zu Weihnachten immer Schneewittchen spielen. „Weg damit“.

    Seine Comedy, die ist für ihn heute eine genetische Therapie. Auf dem Kieker hat er die Besserwisser und Fenstergucker. Kabarett sei das nicht gewesen, habe einer mal nach der Show gemeckert. Bülents Konter: „Scheiß drauf“. Oder die morgendlichen Observierungsmuffel im offenen Fenster, die immer gleich die Polizei rufen, auch die haben bei Bülent kein Zuckerschlecken. „Ufbasse“, skandieren Leuchtlettern als Warnsignale von Ceylans Helferlein unserem aufmüpfigen August, der schon als kleiner Junge für Colalutscher gegen Gummibärchen zu Felde gezogen ist. Klappe auf, Klappe zu: der Gündaaa kommt, der Ötzi, der Yeti mit Sonnenbrille auf der übers Gesicht geprasselten Haarmähne – und die Pause, nach der Gündaaa zum Rocker mutiert und gleich noch mal sein zerrissenes Schicksal markiert: Vater Moslem, Mutter katholisch, Bülent deutsch, das funktioniert jetzt. „Ich hab’s geschafft“, ist sein Urschrei im Finish. Doch in Frankreich, da ist er nicht deutsch, da hat er als halber Türke nur ein halbes Schnitzel bestellt.

    Bülents Schizo-Food legt nach viel Türkensülze und seichtem Geplänkel – doch immer mit einem still verschmitzten Lächeln, das man ihm auch massenkompatibel abkauft – seinen funkelnden Urkern frei, wenn sich der gebürtige Mannheimer von der Klobrille zum spritzigen Geschichtenerzähler, szenischen Sketch-Monologisten und richtig kabarettistischen Mimen freischwimmt. Mittendrin in der Party: der bramarbasierende Bayer und der schwäbelnde Nörgler.

    „Die Haare fallen net“, flötet er im Plusterton der selbstverliebten Dame vom Frauenbildungswerk. Au Backe: „Die Männer regieren die Welt, aber manchmal haben auch die Frauen ihre Tage.“ Watsch Watsch, den Albtraum des Macho-Komikers, der stundenlang spielt und keiner lacht, den hat er nicht zu erleiden. Auch sein „Mompfreed“ mit Rohrzange befreit sich aus häuslichem Zettelkrieg mit grönemeyerscher Inbrunst in die Singlewelt der „Männer“. Matchball abgewehrt, Abrechnung folgt. Etwa mit Deutschlands „Superstar“-Dramen und Schnellschüssen. „Ich bin 14 Jahre in der Comedy, macht es so wie ich“. Er senkt den Kopf, Mucksmäuschenstille. „Steh auf“. Die „Message fürs Herz“ baut in Form eines Popsongs wieder auf.

    „Dankeschön Ulm, wollt Ihr noch was?“ Kein Thema, Ceylan kurvt durch die Arena, schüttelt viele Hände, entlädt im Wechselbad der Gefühle an seiner verflixten „Walltraud“ noch ein paar pyrotechnische Feuerstöße. Ob metal, moschus, schniefig, schnulzig, schussbereit oder schizo: Bei seiner Ratiopharm-Premiere ließ Bülent Ceylan mit „Wilde Kreatürken“ die Sau raus – und blieb trotzdem ein sensibler Kinderfreund. Ganz ehrlich: „Du kannst dich fühlen wie ein Rockstar, aber im Herzen bleibst du ein narrensicherer Depp.“

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