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03. Februar 2012 12:12 Uhr

Ausstellung

Eine Unvollendete wird wiederentdeckt

Das Edwin Scharff Museum zeigt Werke der vergessenen Matisse-Schülerin Mathilde Vollmoeller-Purrmann

Neu-Ulm Der jungen Mathilde Vollmoeller schien die ganze Welt offenzustehen: Die Tochter eines vermögenden Textilfabrikanten aus Stuttgart pflegte engen Kontakt mit Rainer Maria Rilke, startete in Berlin eine ansehnliche Künstlerkarriere, verfeinerte ihre Malerei unter dem Einfluss von Henri Matisse. Dann lernte sie Hans Purrmann kennen, heiratete ihn, gebar binnen vier Jahren drei Kinder – und geriet an der Seite ihres Malergatten als Künstlerin in Vergessenheit. Das Neu-Ulmer Edwin Scharff Museum widmet Mathilde Vollmoeller-Purrmann (1876-1943) eine Einzelausstellung. Und beleuchtet darin nicht nur ein typisches Frauenschicksal des frühen 20. Jahrhunderts – sondern entdeckt auch „Ein famoses Talent“ wieder.

Erst 1999 kamen 360 Arbeiten wieder ans Tageslicht

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Bis 1999 glaubte die Kunstwelt das Werk der Malerin verloren. Der Nachlass von Vollmoeller-Purrmanns Tochter Regina brachte die Überraschung: Diese hatte nicht nur 2000 Dokumente und Briefe ihrer Mutter gehortet, sondern auch 360 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Drucke. Das Hans-Purrmann-Haus in Speyer erwarb den Nachlass. Die Neu-Ulmer Präsentation ist die erste Ausstellung eines süddeutschen Museums, die sich dem Werk Mathilde Vollmoeller-Purrmanns widmet. Zu sehen sind 80 Werke, vor allem Gemälde und Aquarelle, entstanden zwischen der Jahrhundertwende und 1943.

Der Titel der Ausstellung, „Ein famoses Talent“, zitiert den Berliner Porträtmaler Leo von König, der so 1903 seiner Bewunderung über die künstlerischen Fähigkeiten der damals 27 Jahre jungen Schwäbin Ausdruck verlieh. In der Hauptstadt, in die sie 1897 ihrem Bruder gefolgt war, hatte sie das Malen gelernt, ihre Lehrerin war die Porträtmalerin Sabine Lepsius. Vollmoellers frühe Werke stehen noch stark unter dem Einfluss des Spätimpressionismus der Berliner Secession, von Malern wie Lovis Corinth und Max Liebermann.

Das ändert sich in Paris, wohin die Künstlerin 1906 übersiedelt: Dort entdeckt sie Paul Cézanne für sich, stellt im berühmten Herbstsalon aus – und besucht schließlich die „Académie Matisse“. Der Kontakt mit Matisse veränderte die Kunst Vollmoellers nachhaltig: Bereits 32-jährig, entdeckte sie die Kraft der Farbe, in Bildern wie „Ausblick auf Collioure“ (1908/09) spielen Perspektivität und Details kaum noch eine Rolle. Wie Matisse arbeitete auch Vollmoeller zumeist mit reinen Farben und kratzte an der Grenze zur Abstraktion; überschritten hat sie diese Linie aber nie, anders als ihr Lehrmeister. Vor allem diese Ölbilder sind es, die die deutsche Malerin auf Augenhöhe zeigen mit anderen Künstlern der Matisse-Schule – auch Hans Purrmann (1880-1966), den sie 1908 in Paris kennenlernte und 1912 heiratete; noch im selben Jahr kommt ihre erste Tochter zur Welt.

Die Familiengründung war der große Einschnitt: Sie konzentrierte sich ganz auf die Erziehung der Kinder, unterstützte nach dem Umzug nach Berlin ihren Mann als Managerin im Hintergrund, während er, der gefragte Maler, viel Zeit auf Reisen verbrachte. Ihr letztes bekanntes Ölbild datiert aus dem Jahr 1913.

Kurz nach der Geburt des ersten Kindes entstand das letzte Ölbild

Diese Zäsur markiert auch die Neu-Ulmer Ausstellung, indem sie auf die Farbpracht der Pariser Bilder intime Familienporträts folgen lässt. Denn ganz hat Vollmoeller-Purrmann den Pinsel nie beiseitegelegt, sie konzentrierte sich nur auf Aquarelle – wohl auch, so vermutet Museumsleiterin Dr. Helga Gutbrod, weil diese schnelle Form sich leichter mit dem Familienleben unter einem Hut bringen ließ. Diese Aquarelle nehmen auch den Großteil der Fläche der Ausstellung im Scharff Museum ein: Sie entstanden an der Ostsee, am Bodensee, wo die Purrmanns ein Ferienhaus hatten, und in Italien, wo auch das letzte Kapitel des Lebens Mathilde Vollmoeller-Purrmanns stattfindet. 1935 zieht sie mit ihrem Mann nach Rom, wo dieser die Leitung des Künstlerhauses Villa Romana übernimmt. In Deutschland war Hans Purrmann da schon als entarteter Künstler verfemt.

Für das Schaffen der Frau an seiner Seite interessierte sich damals kaum einer mehr. Dabei zeugen auch die Aquarelle vom Talent der Malerin, die ein Leben lang dem Weg treu bleibt, den ihr vor allem Matisse gewiesen hat. Das Edwin Scharff Museum zeigt eine Frau, deren Werk, auch durch die sozialen Zwänge ihrer Zeit, nie seine Vollendung erfuhr. Was sie der Kunstwelt hinterlassen hat, hat die Wiederentdeckung verdient – und lohnt den Besuch ohne Einschränkungen.

Eröffnung heute, Freitag, um 19 Uhr. Danach ist „Ein famoses Talent: Mathilde Vollmoeller-Purrmann“ bis 13. Mai im Edwin Scharff Museum zu sehen.

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