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04. Februar 2012 12:10 Uhr

Chagall-Zyklus

Großer Lyriker in Farbe und Ausdruck

„Daphnis & Chloe“ komplett in der Sparkasse Neue Mitte zu sehen – ein kleines Wunder Von Florian L. Arnold

Ulm Es gibt wenige Künstler, die es Marc Chagall (1887-1985) an Popularität gleichtun können. Jeder kennt ihn, fast jeder mag ihn, fast jeder hat einmal eine Reproduktion eines seiner poetisch-bunten Bilder besessen. Kaum einer wurde so oft kopiert, reproduziert, zitiert. Wenn, wie in der aktuellen Sonderausstellung der Sparkasse Ulm, ein Chagall-Zyklus ausgestellt wird, sind nie versiegende Besucherströme garantiert.

Der „Malerpoet“, der hochbetagt 1985 verstarb, fasziniert ungebrochen. Ist es die „Lebensfreude und Lebensbejahung in Reinform“, wie es die Laudatorin Dr. Brigitte Reinhardt – in Vertretung für den erkrankten Chagall-Spezialisten Dr. Roland Doschka – so passend ausdrückte? Sind es die schwebenden, irisierenden Farben, in die seine kindlichen, unschuldig wirkenden Figuren so fließend eingewoben sind? Die schönen Traumbilder des „Daphnis und Chloe“-Zyklus im Original zu sehen – das kommt einem kleinen Wunder gleich. Gerade mal zwischen zehn und 20 komplette Zyklen existieren weltweit noch. Von den 42 herrlichen Lithografien nach Motiven des antiken Romans von Longos, die 1963 als Mappe veröffentlicht wurden, kommen, wenn überhaupt, nur noch Einzelblätter an die Öffentlichkeit. Es hat also etwas Magisches, die ganze Mappe in Ulm zu sehen. Sparkassenchef Manfred Oster ist voller Begeisterung: „Mit den schönen Räumen in der Neuen Mitte und unserem Verständnis von Kulturförderung sind wir es Ulm geradezu schuldig, so etwas zu zeigen.“

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Höchste Kunst des Zeichnens auf Stein

Nach den großartigen Ausstellungen mit Werken von Picasso (2007) und Miró (2009) war Chagall quasi überfällig. Über den Chagall-Spezialisten Dr. Roland Doschka kam der Kontakt zur Kunststiftung von Horst und Gabriele Siedle zustande, die die komplette Daphnis und Chloe-Suite besitzt. Nun ist einer der umfangreichsten und schönsten Zyklen Chagalls in Ulms Neuer Mitte zu sehen – bei freiem Eintritt. Die Blätter zeigen eine Mythenwelt, die Chagall „über aller Politik, allen Nationalitäten, allen Religionen“ angesiedelt wissen wollte.

Und so mischen sich fröhlich Symbole aus Judentum, Christentum und altem Griechenland mit jenen chagalleigenen Ikonen, die zu seinem ungebrochenen Ruhm beitrugen. Menschen und Tiere, Natur und Tradition, alles ist in einen unverletzbaren Kosmos eingetragen. Jedes Blatt ist von einer dominierenden Farbe bestimmt, die in ungedämpfter Emotionalität vorgetragen wird. Diese blühende mediterrane Welt, in der sich russische und ostjüdische Märchenimpressionen mit den poetischen Begebenheiten rund um das Liebespaar Daphnis und Chloe so farbmächtig zeigen, ist der Lithografiekunst Chagalls und seiner Drucker zu verdanken. Das „Zeichnen auf Stein“ vollendete Chagall im Alter von 74 Jahren mit höchstem Ausdruck. Chagall war und ist nicht einzuordnen. Auch wenn er Merkmale von Expressionismus und Surrealismus zeigt, auch wenn er die Abstrakten und die Avantgarde des Paris der Vorkriegszeit liebte – er war ein Solitär, dessen Bilder aus einer verschwundenen jüdisch-russischen Lebenswahrheit geboren wurden.

Diese Ausstellung wird man in Ulm so wohl nicht mehr sehen. Die Sparkasse Ulm feiert diesen Coup und das hauseigene Kulturengagement mit einem reichhaltigen Rahmenangebot, zu dem auch ein Malwettbewerb für Kinder und regelmäßige kostenlose Führungen durch die Ausstellung gehören.

Ausstellung bis 11. März in der Sparkasse Neue Mitte, Hans-und-Sophie-Scholl-Platz. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 8-18 Uhr, Freitag 8-16.30 Uhr, Samstag und Sonntag 8.30-16 Uhr.

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