Von Roland Mayer
Kunterbuntes Treiben auf der Bühne. Es darf geträllert werden zu sphärischen Klängen. Zeit reif für Zärtlichkeit kurz vor halb zwölf. „Also, einen haben wir noch drauf“. Nena schart ihre 15-köpfige Band um sich. Ihre „99 Luftballons“ heben im Babaluba-Schunkelrhthmus in der A-cappella-Variante ab.
Die 52-jährige Popsängerin startete ihre „Live & Akustisch“-Tournee in Neu-Ulm. Nach diesem über zweieinhalbstündigem Mitternachts-Marathon in der Ratiophram-Arena will das Publikum seinen Schatz nicht loslassen. Doch das „Adieu“ drohte schon in einer chansonartigen Nummer. „Dankeschön, ich werde euch wiedersehen“. Langsam entschwindet der Musiktross von der Bühne. Der Auftakt von Nenas „Live & Akustisch“-Tournee bescherte der mit über 2000 Fans nicht ausverkauften, aber gut bestückten Arena den ersten unkonventionellen Rock-Pop-Leckerbissen, der zur Geisterstunde mit jeder Menge Gesprächsstoff noch lange nicht ausgekostet war.
Dabei mussten auch die Nena-Fans wieder Mal fast einstündige Wartezeiten in Kauf nehmen, um an ihre reservierten oder Kaufkarten an der Abendkasse zu kommen. Viele schafften es nur noch zur Endphase der Kölner Supportband Klee, die mit Romanzen aus ihrem fünften Studioalbum „Aus lauter Liebe“ und einer aparten Deutsch-Pop-Stimme (Suzie Kerstgens) auf den Vergissmeinnicht der Nacht vorbereitete. Im weißen Hosenanzug und schwarzem Kurzhaarschopf spult Nena bei ihrem Nachholgig vom Dezember kurz nach 21 Uhr das Du-und-Ich-Thema gleich als Publikumsbegrüßung weiter: „Ich geh mit Dir, wohin Du willst, auch bis ans Ende dieser Welt.“ Die alten Gefühlshits zünden noch immer bei den Fans. Nena macht Hüpfschritte wie im Kindergarten, schnallt sich die Gitarre um.
„Wer war schon einmal in einem Nena-Konzert? Klar rhetorische Frage. Doch als Liedermacherin muss man Gabriele Susanne Kerner, wie Nena gutbürgerlich heißt, erst mal erlebt haben. Da kann man ihre Kitsch-Kurven, die sich in der zweiten Hälfte des Konzerts schnulzenartig einnisten, aber nicht fortpflanzen, glattwegs vergessen. Auch mit Harp geht das Leben weiter. Zwei Sofas werden auf die Bühne gerollt, ebenso das Schlagzeug, das noch im Dunkeln bleibt. Vom deutschen Kuschelpop mit Wohnzimmerflair lässt sich der Großteil der gut 2000 Fans gern umgarnen. John, der fabelhafte Gitarrist, der später – wie Keith Richards bei Bette Middler – auf die Pauke haut, lässt sich umarmen. „Ich hör mir zu“, das 20 Jahre alte Lied, das kein Mensch kennt, kredenzt die Sängerin, die nach der Pause in schwarzen Jeans mobil bleibt, mit silbriger Wehmut und Bombastsound dann ganz entspannt im Sitzen. In den Refrains stehen die Fans auf, betanzen Freiräume, singen mit. Die Band, die Unplugged-Balladen ebenso draufhat wie Rock und Indie, ist eine Wucht: Das balladeske Streichquartett lässt die Beine vom Bühnenrand baumeln. Und die Musiktheater getränkte College-Atmosphäre wird zum Happening, wenn Nena und ihre Compagnie mit John Lennons „Give peace a Chance“ durchs Publikum in die Garderobe ziehen: Nena ist wieder da – und kommt sicher wieder.