Neu-Ulm/Ulm Spuren der Kindheit thematisiert die neueste Ausgabe von "Konzepte", der in Neu-Ulm von der Lyrikerin Christine Langer redaktionell betreuten und vom Bundesverband Junger Autoren (BVjA) alljährlich herausgegebenen Zeitschrift für Literatur. Den motivischen Anstoß lieferte der in Damaskus geborene, deutschsprachige Autor Rafik Schami mit seinem Essay "Murmeln meiner Kindheit".
Darin beschreibt der Nelly-Sachs-Preisträger des Jahres 2007 die leise Stimme seiner Kindheit: Das Murmelspiel in den Gassen von Damaskus, der uralten Stadt, dem "Fundbüro für die Kultur", als den heiß geliebten, kindlichen Zeitvertreib in der Hocke, der dem Buben alles abverlangte, "was meine Augen und Hände an Präzision, Schubkraft, Ziel- und Treffsicherheit aufbieten konnten." Heute steht Mexiko bei der Murmelproduktion an erster Stelle. Glas bildet das Ausgangsmaterial für die kindliche Zauberkugel, mit der Karfreitags die besten Murmelspieler der Welt im englischen Ort Tinsley Green die Weltmeisterschaft austragen. Das Murmelspiel ist übrigens auch vom flämischen Maler Pieter Brueghel dem Älteren auf seinem Gemälde "Kinderspiele" verewigt worden.
Wasser kann eine lauernde Spinne sein
Sind es beim Geschichtenerzähler Schami die glitzernden Murmeln, beschreibt der gelernte Trompetenmacher und gebürtige Rosenheimer Autor Christian Lorenz Müller, der 2010 seinen Romanerstling "Wilde Jagd" veröffentlichte, ein ländliches Sozialmilieu als Revier kindlicher Umtriebe. Ein fünfjähriges Mädchen wird durch Großvaters Hand vor dem Ertrinken im See gerettet: Diese knappe, dramatische Szene packt die junge Lübzer Literaturfond-Stipendiatin Kerstin Preiwuß in ihre lyrische Kindheits-Erzählkurve "Pirat": das Wasser - "genauso eine lauernde Spinne wie eine betörende Frau".
Im Prosa-Poem eines überstürzten Aufbruchs wird bei Sünje Lewejohann, der in Berlin lebenden, gebürtigen Flensburgerin das Kinderstübchen verlassen. Großmutters Sterben, Großvaters Schmerz: beim Göttinger Paul Scheerbart-Preisträger Jürgen Brocan "kankelt" ein Kleinkind "im Magnetfeld der Dinge". Im traumatischen Kindheitsmythos des Münchner Schriftstellers Ludwig Steinherr befindet sich das lyrische Ich eines Zweijährigen mit eingeklemmtem Arm im Aufzugsschacht. Doch furchtlos sandeln Kinder bei Walle Sayer in der Weitsprunggrube.
Im Weitwurf der von Brecht und Ringelnatz flankierten Werke von 13 LyrikerInnen und fünf ProsaistInnen gesellt diese 30. Nummer von "Konzepte" noch Literaturanalysen wie ein Porträt von Hermann Kinder über den Lyriker Walle Sayer oder Christine Langers Literaturspiegel als Rubrik "Quergelesen". Darunter befinden sich auch zwei publizistische Beiträge über die Lesungen von Rafik Schami im Stadthaus und der Islamkritikerin, Frauenrechtlerin und Buchautorin Necla Kelek im Vöhringer Kulturzentrum. (roma)
Konzepte, Zeitschrift für Literatur, 25. Jahrgang, Redaktion Christine Langer, Hrsg. Bundesverband Junger Autoren (BvjA), Nr. 30, Dezember 2010, mit Schwarzweiß-Fotografien von Reinhart Mlineritsch. 12 Euro. Weitere Infos unter Telefon (0731) 87652.
Infos auch online
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