Wetter
Di.
20°C
Wetter
Mi.
21°C

07. Februar 2012 17:06 Uhr

Neue Musik im Stadthaus Ulm

Im Schatten der Sirenen

Michael Riessler hat im Meier-Bau eine klanggewaltige Uraufführung hingelegt 

Die "Sirenen" des Madrigalchors der Münchner Musikhochschule im Stadthaus
Foto: Roland Mayer

Ulm In den Nachhall des 19-Uhr-Münstergeläuts mischt sich ein Flirrton. Der Mann mit der Bassklarinette umspielt traumwandlerisch den Grundton A, geht in die obere Oktave, zischelt butterweich durchs Mundstück seines mannshohen Blasinstruments, zaubert mit Klapplauten und Tonschleifen. Grundton, Münsterglocken, 19.15 Uhr: Michael Riessler taucht aus tiefer Versenkung auf, signalisiert einen leisen Laut: Im spitzen Möwengeschrei aus den Boxen zappelt ein Zilpzalp. Jetzt entführt die Uraufführung „Sirens“ mit Chorstimmen alsbald in ein kristallin aufwogendes Klangmeer, das die lebensbedrohliche Begegnung Odysseus’ mit den Sirenen zum modernen Oratorium aufschäumt – und im hochaufragenden Treppenhaus des Meier-Baus eine grandiose Begegnung mit der Neuen Musik platziert.

Der gebürtige Ulmer Klarinettist, Komponist und Münchner Jazzprofessor Riessler ist beim veranstaltenden Verein für moderne Musik ein viel geladener Grenzgänger zwischen Jazz und moderner Klassik. Seiner kathedralischen „Sirens“-Uraufführung im Stadthaus waren bereits kleinere Produktionen in Köln und Kopenhagen vorausgegangen. Zusammen mit vorproduzierten Streicherklängen bilden diese Klänge aus der Konserve das Zuspiel für Riesslers intuitive Improvisationskunst und die jungen Stimmen des Madrigalchors der Musikhochschule München. Sein Dirigent Martin Steidler lenkt das chorische Geschehen mit behutsamer Präzision vom letzten Treppenabsatz aus, wo Riessler am Puls seiner Partitur zu minimalistischen Klangbildern, atonalen Tongirlanden und archaischen Eruptionen ein beziehungsvolles Schattenspiel auf der weißen Stadthauswand erzeugt.

ANZEIGE

Der gemischte Chor  wird in seinen Nischen mit altgriechischer Lautmalerei zum antiken Sprecher, der Homers Emigrantensaga durch Summtöne vorantreibt. Nach gutturalem Trommelstop und sphärischen Flageoletts entfachen die „Sirenen“ mit Schleiflauten und brachialen Halbtonkurven einen Tsunami. Riessler bläst frei, Chaos pur, das Stadthaus bebt. Dann ein gregorianischer Choral, ein kleines Madrigal dreht seine Schleifen. „Ich will es nicht mehr hören“, das englisch gehämmerte Postulat gegen den stimmlichen Wahnsinn, hat sich soeben im zur kathedralischen Konzerthalle getauften Meier-Bau beim Münster mit sphärischem Klangschauer in den stillen Kammerton A aufgelöst. Eine weitere Aufführung der "Sirens" erfolgt am 28. februar in Münchens Allerheiligenhofkirche.

Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.

Artikel kommentieren

Umfragen

Umfrage

Sind Sie ein Freund der Neuen Musik?



Schlagworte

Ulm

Nachrichten in Ihrer Region
Augsburger Allgemeine Aichacher Nachrichten Augsburger Allgemeine Donau Zeitung Donauwörther Zeitung Friedberger Allgemeine Günzburger Zeitung Illertisser Zeitung Landsberger Tagblatt Mindelheimer Zeitung Mittewlschwäbische Nachrichten Neu-Ulmer Zeitung Neuburger Rundschau Rieser Nachrichten Schwabmünchner Allgemeine Wertinger Zeitung
Anzeige

Schlagzeilen aus der Nachbarschaft

Veranstaltungen vom 29.05.2012

Neu-Ulm: Das schreiben Andere

Die Augsburger Allgemeine ist nicht für externe Beiträge verantwortlich.


Partnersuche