Mittwoch, 22. Mai 2013

01. Mai 2012 12:35 Uhr

John-Cage-Festival im Ulmer Stadthaus

Kuckuck im Klangraum des Meier-Baus

Mit Happeningcharakter ist am Sonntag das dreitägige John-Cage-Festival im Stadthaus über die Bühne gegangen, das bereits am Donnerstag beim Laupheimer Kooperationspartner für ein Cage-Feeling im dortigen Kulturhaus sorgte.

Von Roland Mayer

Ulm Die kompositorischen Facetten von John Cage, dem New Yorker Avantgarde-Komponisten des 20. Jahrhunderts, der als Arnold Schönberg-Schüler die europäische Musiktradition wieder mit neuen musikalischen Ideen spickte, hat Festivalleiter Jürgen Grözinger, der den 75-jährigen Cage 1987 in Weingarten noch persönlich kennengelernt hatte, im Stadthaus mit einer geballten Retrospektive quer durch alle Schaffensperioden in Erinnerung gerufen. Damit wurde der Meier-Bau mit Mitgliedern des European Music Projects und der Kammerakademie Neuss am Rhein zum spannenden Klangraum der Neuen Musik, die im Fahrplan klassischer Musikangebote immer noch so gut wie ein Schattendasein führt.

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Bereits im Prolog der Geburtstags-Hommage an Cage, der in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, wird auf delikaten Dialog gesetzt: Grözinger, der gebürtige Ulmer und Wahl-Berliner, kredenzt in seiner Klang-Assemblage im Stadthaussaal Gesprächsfetzen und leise Geräusche zum Nachsinnieren, gefolgt von John Cages „Crumpling Paper“ von 1986 als weitverzweigte, lautmalerische Geräuschkulisse.

Hier wirken die Akteure von der Bühne bis zur Theke wie in einem interaktiven Stromkreis. Mittendrin erlebt das Publikum eine saftig-sinnliche, von Kuckucksrufen gespeiste Klanginstallation, bei der es die Ohren zu spitzen gilt für Pfeiflaute auf Holzflöte, Windspiele mit Notenrascheln, Knatterlaute, Gießkannenplätschern – und leise bimmeln die Glöckchen.

Nach diesem installativen Naturschauspiel wird John Cages Streichquartett in vier Sätzen von 1950 zur klassisch modernen Offenbarung der „Vier Jahreszeiten“. Die als Skala fixierten komplexen Klänge hat Cage durch Zufallsoperationen geordnet. Im Gespinst vibratoloser Wohlklänge, die schon mal schrill unterbrochen werden, schwingt sich ein kristallines Gespinst von der Renaissance in die Neue Welt auf. Das aufsteigende Signalmotiv der Violine vermittelt im dritten Satz keine Unruhe, sondern beschwört kontemplative Stimmungen. Eine Menuett-Miniatur zum Finale – mit John Cage und seinen geschliffenen Interpreten in Ulm ein helles Vergnügen.

Delikat war auch die Gegenüberstellung von John Cages legendären „Sonatas und Interludes“ für präpariertes Klavier mit einer dadurch inspirierten Ulmer Auftragsarbeit des türkischen Komponisten und Wahlberliners Ali N.Askin. Prickelnde Carillon-, Büchsen- und Mbira-Mischklänge erzeugte der griechische Pianist Antonis Anissegos mittels ausgeklügelt zwischen die Saiten des Steinways gesteckten Metallschrauben und Plastikmembranen ganz spielerisch bei den versonnenen Cage-Sätzen von 1946. Als perkussives Begleitinstrument ist das gedackte Klavier in Askins orgiastischem Kraftprotz von Schlagwerk und vielen Streichern umbraust. In den Retrostil Bartokscher Motorik und rockmusikalischem Funky-Drive sind auch elegische Intermezzi eingebettet, zu denen das Klavier zart besaitete, minimalistische Girlanden beisteuert: viel Beifall nach 40 Minuten.

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