Leben „Ich werde geschlagen, gezupft, gekratzt – aber ich bin es gewohnt, denn ich stehe seit 300 Jahren im Dienst zeitgenössischer Musik.“ Die Erzählerin in „Mara“ ist – ein Cello. Gebaut 1711 in Cremona von Antonio Stradivari und benannt nach dem ersten Besitzer, dem Trunkenbold und Wüstling Giovanni Mara, den Mozart als „recht elenden Violoncellisten“ bezeichnet haben soll. Fakt? Fiktion?
Wolf Wondratscheks Roman „Mara“ ist eines dieser kleinen Meisterwerke der Erzählkunst, die sich ganz behutsam ins Langzeitgedächtnis schmuggeln. Auch bei „Theaterei“-Prinzipal Wolfgang Schukraft war das so: „Beim ersten Lesen von Mara stand mein Entschluss fest, dass dieser Text auf die Bühne gehört!“ Also schrieb Schukraft eine Theaterfassung und inszenierte auch selbst. Stimme und Gesicht von „Mara“ ist Celia Endlicher. Und die lässt, den lyrischen Ton von Wondratscheks Erzählung subtil in Schauspiel transponierend, die wechselvolle Geschichte dieses legendären, feuerroten Cellos vor Publikum Fleisch und Blut werden.
„Mara“ erzählt in wundervoll wechselnden Stimmen aus drei Jahrhunderten (Musik-)Geschichte, launig, ernsthaft, leidenschaftlich, frech. Die Großen der Musikgeschichte und die Randfiguren – alle werden mit der gleichen Liebe für das erzählerische Detail beleuchtet – geben sich ein kurzweiliges (manchmal auch etwas zu kurzes) Stelldichein. Wondratschek hat für seinen Roman, der die Spanne von 300 Jahren umfasst, genau recherchiert und dabei auch manch amüsante Randnotiz ins Zentrum des Geschehens gerückt.
Hat man sich einmal auf Wondratscheks erzählerischen Trick, ein unbelebtes Ding zum „Seismografen“ seiner Umwelt zu machen, eingelassen, dann mag man Buch wie Stück gerne folgen. Celia Endlicher als „Mara“ ist eine schlaue Wahl des Theatermachers Schukraft.
Mit weichen Bewegungen, changierend zwischen nüchterner Beobachterpose, eifersüchtiger Liebhaberei und expressionistischer Emotion verkörpert Endlicher die „Seele“ dieses Musikinstruments.
Gehorcht der erste Teil des Theaterabends noch weitgehend den Gesetzten der Novelle und dem Wort, so spitzt sich alles auf den Höhepunkt hin zu: die physische Zerstörung Maras. 1963 säuft Mara während einer Tournee in Südamerika mit einer Fähre auf dem Rio de la Plata ab, taucht in Einzelteilen wieder auf und wird, in über 700 Arbeitsstunden, neu geboren.
Erfahrungen mit dem ganzen Mann
Hier laufen Darstellerin und Inszenierung zu Hochform auf. Das anekdotisch-heitere Beobachten wechselt in unmittelbare Handlung über; hier ergibt sich die optimale Umsetzung des geschriebenen Wortes in die Gesetzmäßigkeit der Bühne. Endlichers physische Präsenz ist zudem eine schlaue Wahl, wenn es um die Umsetzung von Wondratscheks sinnlichen Bildern geht. Die gewitzte Doppelbödigkeit vieler Auslassungen über Musik und Musiker klingen durch sie auf der Herrlinger Bühne ganz selbstverständlich: „Ich weiß, wie das ist, wenn einer von keiner Umarmung genug kriegen kann; und dass ich mit Männern Erfahrung habe – und zwar mit dem ganzen Mann, nicht nur mit seiner Wange und den fünf Fingern seiner linken Hand. Irgendwie färbt das ab; da hört die Schönheit auf, diskret zu sein, finde ich.“
Der eigentliche Star des Abends aber ist letztlich Wondratscheks Sprache. Die Stimme des aller menschlichen Sterblichkeit entzogenen Cellos ist poetisch, bildgewaltig, immer wieder bricht der Lyriker Wondratschek hervor: „Sprengsätze gehen hoch in Spieldosen. Ein Schmetterling zeigt seine Krallen“. Für die „Theaterei“ ist „Mara“ eine logische Fortentwicklung der bisherigen Literaturumsetzungen. Und zugleich ein mutiger Schritt hin zu virtuos-fordernden Vorlagen.
Fortsetzung Weitere Vorstellungen in der Theaterei Herrlingen am 2., 3., 18. und 23. März. Kartenvorbestellung: Telefon (0731) 268177.