Von Michael Peter Bluhm
Neu-Ulm Sein Song „I can‘t Stop now“ ist seine mobile Lebensphilosophie. Der erfolgreichste lebende Jazzmusiker der Welt steht auch mit 82 Jahren wie ein Fels auf der Bühne und verzaubert seine Fans: Chris Barber bescherte im ausverkauften Edwin-Scharff-Haus mit seiner Big Band dem Publikum unvergessliche Momente.
Man muss sich das vorstellen: Da hat einer mehr als 15000 Konzerte auf dem Buckel, hat 260 Langspielplatten gemacht und jetzt steht er im Büfett-Saal bescheiden hinter dem Tisch und verkauft CDs. Kurz vor Konzertbeginn plaudert Chris Barber entspannt im eleganten schwarzen Smoking mit einem Landsmann, der extra aus Cornwall nach Neu-Ulm kam, um die Legende des Jazz zu erleben. In seiner Heimat sind die Auftritte dieses Weltstars offensichtlich rar gesät. Die freundliche Unterhaltung unter Landsleuten hätte noch länger gedauert, wenn Chris Barber nicht doch noch sanft von einer Assistentin ermahnt wird, auf die Bühne zu kommen.
Dort plaudert er dann in gepflegtem Deutsch weiter mit dem Publikum, demonstriert ein paar Petitessen seines britischen Humors, bevor er loslegt und seine zehnköpfige Truppe um sich versammelt. „Es ist keine Big Band, sondern die Chris Barber Big Band“, verkündet er stolz – mit diesen Best-of-Musikern von der Insel verkörpert er die weltweit erfolgreichste Formation des traditionellen Jazz. Wer hier mit Chris Barber spielt, hat den Gipfel der musikalischen Karriere erreicht: Niemand sonst kann so federleicht den Dixie New Orleans’scher Prägung rüberbringen wie dieser sympathische Musiker mit seiner Posaune, der auch noch Geige, Bass und Saxofon spielen kann. Und es gibt auch keinen lebenden Musiker, der als Jazzer die Rock- und Popszene so beeinflusst hat wie er. Paul McCartney hat Chris Barber sogar indirekt für die Gründung der Beatles mit verantwortlich gemacht. So ein Kaliber kam nach Neu-Ulm. Chris Barber ist seiner Liebe zum traditionellen Jazz lebenslang treu geblieben. Und gibt davon mit seiner ausgezeichneten Band im Scharff-Haus imponierendes Zeugnis ab. Das Programm ist die Erfolgsgeschichte des Jazz: Da werden frühe Werke Duke Ellingtons aus der Schatzkiste geholt, ein wenig entstaubt und perfekt dargeboten, als handele es sich um einen aktuellen Hit. Da wird an Jazzgiganten wie Sidney Bechet erinnert. Dessen Evergreen „Petit Fleur“ rührt noch heute wie in den einstigen Petticoat-Zeiten.
Es ist Musik zum Träumen, man wiegt sich im Blues. Barber singt so authentisch wie ein schwarzer Baumwollpflücker anno 1920 in Alabama, der bessere Zeiten herbeisehnt. Die Band mischt geschickt alte und neue Titel und besticht durch eine hoch professionelle Spielfreude. Dazwischen moderiert Barber mit viel Witz und wundert sich über sich als Konditionswunder („oh my god“). Ragtime, Rhythm‘n’ Blues, New Orleans Revival und Swing am laufenden Band – das Publikum klatscht sich die Hände heiß, wenn Klassiker wie „Ice Cream“ oder „All Blues“ aufleben. Das Erfolgsgeheimnis der Truppe ist der oft schicksalsbedingte Musikerwechsel – stets Garant für Weiterentwicklung.
So ist 2011 erstmals eine Frau aufgenommen worden. Amy Roberts fügt sich perfekt als Saxofonistin in die edle Musikerriege ein, die die gesamte Klaviatur des Old-Time-Jazz präzise wie das Uhrwerk von Big Ben herunterspult. So auch das Stück „Stranger on the shore“, das Chris Barber seiner Tochter Jenny widmete. Als Titelmelodie der gleichnamigen Kinderserie stürmte diese Komposition 1961 die Charts und avancierte zum erfolgreichsten Instrumentaltitel aller Zeiten: Auch an den Neu-Ulmer Abend wird man noch lange zurückdenken.