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Lustspiel: Pocket-Büchner mit geballter Energie

Lustspiel

Pocket-Büchner mit geballter Energie

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    Schmusende Liebende: Lena (Johanna Paschinger) und Leonce (Raphael Westermeier).
    Schmusende Liebende: Lena (Johanna Paschinger) und Leonce (Raphael Westermeier). Foto: Ilja Mess

    Ulm Eine Videoleinwand, eine unterirdische Klause und eine offene Spielbühne: Dies ist der Tummelplatz für Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“, bekanntlich die Parodie einer Komödie ist. Im Podium des Ulmer Theaters setzt Regisseur Hüseyn Michael Cirpici auf wortgewaltige Psychogramme und lässt seinen blendend aufgelegten Akteuren freien Lauf: Sprechtheater pur – mit geballter Energie zur Action-Farce, in der auch die Romantik zündet.

    Ähnlich wie in Shakespeares knapp 260 Jahre älterem „Wie es euch gefällt“ sind es bei Büchner auch Aristokratensprösslinge, die abhauen, bevor es emotional knallt. Bei Shakespeare sind es Vertriebene, bei Büchner melancholisch Umgetriebene, die sich der anonymen Zwangsheirat entziehen und sich über Goethes Lieblings-Reiseland „instinktsicher“ in die Arme laufen: Die Burleske ist auf den Urkern zusammengeschmolzen.

    Bühne wird zum Werkraum für die Schauspieler

    Aus tristem Kellerloch transportiert eine (auch auf Dialog getrimmte) Videokamera die mentale Lethargie von Prinz Leonce ins Königreich Popo, dem Bühnenbildnerin Mona Hapke keinen falben Glimmer aufsetzt, sondern als (Ur-)Podium mit Kick zum spielaktiven Werkraum belässt. Als Leonce (Raphael Westermeier) durch seine Luke klettert, trifft er in dem ebenso närrischen wie eloquenten Herumtreiber Valerio (Florian Stern) einen Weggefährten, der dem Müßiggang auf seine Weise die lange Nase zeigt: „Es ist ein Jammer. Man kann keinen Kirchturm herunterspringen, ohne den Hals zu brechen.“

    Wenn König Peter (Thomas Kollhoff) in Unterhosen auf dem Rollpodest seine imperativen Denkspiele auf der Suche nach seinen Manschettenköpfen wie ein Herold herausposaunt, ist Rosettas mätressenhafte Leidenschaft (in der biegsamen Tanzrolle Juliane Nawos) für Leonce nur eine Grabesnummer: „Ich habe Langeweile, weil ich dich liebe. Aber ich liebe meine Langeweile.“ Doch langweilig wird es im vollen Podium bei diesem durch Musikkollagen fabelhaft sensibilisierten und vor literarisch-philosophischen Anspielungen strotzenden Pocket-Büchner nie.

    Nach Lenas (Johanna Paschinger) apfelsinenzartem Kuss in der funzeligen Matrix des Flucht- und Sehnsuchtslands Italien (wohin Leonce mit Valerio und Lena mit Gouvernante ausrissen), schluckt Leonce eine Überdosis Schlaftabletten. Kumpel Valerio rettet ihn, Leonce kotzt seine Eremitage voll.

    Maskiert treten beide schließlich Hand in Hand vor König Peter und seine Staatsdiener: Büchners „Automaten“-Finale mit seinem Drive zum absurden Theater knacken Ulms universeller Happy-End-Regisseur und sein helles Vergnügen bereitendes, virtuoses Ensemble mit dem stillen Bild vom Paar auf Schmusekurs.

    Wieder am Mittwoch (11/19.30 Uhr) und Freitag (19.30 Uhr) sowie am 24. (11/19.30 Uhr) und 25. Mai (19.30 Uhr).

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