Ulm Die Katze auf dem Blechdach des Stalls ist in Lauerstellung. Tennessee Williams findet in einem Gedichttitel Anklang. Drei Kapitel weiter setzt Franz Marcs weiße Katze zum Sprung an. Christine Langers Gedichte beharren auf Erinnerungsmustern ebenso wie auf dynamischer Bildhaftigkeit. "Findelgesichter", der neue Gedichtband der in Neu-Ulm lebenden, aber in Ulm geborenen Lyrikerin, durchweht die frische Brise einer ländlichen Geografie und gibt seine romantischen Untertöne mit Realitätssinn preis. Von Roland Mayer

Der letzte grüne Schimmer im Jahr
Nicht nur Katzen, Äpfel und Laub besingt die Poetin in ihren Versen, die öfters an Stillleben erinnern: "Den letzten grünen Schimmer ins Jahr" begleitet neben geknickten Halmen und bemoosten Äpfeln auch ein gekipptes Straßenschild, das "den Blick lenkt/Auf den feuchten milden Boden/Wo eine alte Plastikflasche/In die Mitte rückt".
So pendelt Christine Langers Empfindsamkeit über acht Kapitel von naturlyrischen Strophen zu klingenden Bekenntnissen des lyrischen Ichs, das auch Industriegebiete mit sanfter Beobachtungsgabe durchwandert: "Ein Fabrikschlot überragt/Die stillen Gebäude/Eine einzelne Fichte/Verdeckt den Mond/Die Sichel aus dem Traum/Den Jüngling der ein Mädchen liebt".
Christine Langers Prosalyrik gibt sich unversponnen reklamescheu und hochpoetisch in ihren Reflexionsschüben: "Findelgesichter", vom Titelgedicht her "Blinkende Muschelphantasie fürs Kinderauge", ist dem Erwachsenen ein gefühlvolles Büchlein fürs Kopfkino.
Gedichtband Findelgesichter, Christine Langer, Klöpfer & Meyer, 110 Seiten, 16 Euro.
Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.
Artikel kommentieren
| Artikel bewerten: