Oberfahlheim Das Schöne in der Kunst auszuleben kann aufs Glatteis der Befindlichkeiten führen. Denn wo ein Peter Sloterdijk „faustdicke Schönheiten“ in der Kunst fordert, da empfinden die Akteure der bildenden Kunst gern eine Verpflichtung zur Mäßigung. Sloterdijk spielt Reduzierung der Mittel und Schönheit, Fantasie und Konzentration nicht gegeneinander aus. Er fordert Ehrlichkeit im Ausdruck. Ein Künstler wie Günter Büntig, so Vernissageredner Eduard Ohm, gehe mit ebenso großer Ehrfurcht wie Formulierfreude an die gefundene Form seines Ausgangsmaterials, der Mooreiche.
Die „Mooreiche“ ist ein Produkt der irdischen Evolution: Unter meterhohen Schichten von Geröll und Lehm eingeschlossen „überlebte“ das Holz von Kiefern dank der im Holz enthaltenen Gerbsäure. Mit der Zeit wurde das Holz sehr fest – und es dunkelte zu Schattierungen von warmem Braun bis Tiefschwarz nach. Dieser – so Büntig – „mystische, schwarze Urstoff“ ist nicht nur selten und teuer, er beflügelt die Fantasie eines Künstlers auf vielen Ebenen. Indem Büntig die Fundstücke aus diesem Holz zwar überformt, den Ausgangsstoff aber nicht mit Farben oder Lacken verdeckt, beginnt er einen respektvollen Dialog mit der Vergangenheit.
So ist es nur logisch, dass in der Kabinettausstellung das Gros der Arbeiten die Strenge archaischer Idole atmet, dass sich schlanke Holzformen mitunter scheinbar frei entwickeln und an versteinerte Vegetation erinnern. Zugleich fügt Büntig den meisten Arbeiten durch kleine Zusätze wie rostige Metallfragmente, Metallbänder oder technoide Metallbeschläge die Attribute des industriellen Zeitalters hinzu.
Der 1932 in Breslau geborene Büntig arbeitet mit Mooreiche seit 15 Jahren. Neben den streng wirkenden Arbeiten gibt es auch eine humorvoll-augenzwinkernde Facette. Da setzt sich aus Reststücken etwa ein kantiger „Mensch Meier“ zusammen.
Insbesondere im Gewölbekeller des Museums, den Büntig mit sechs großen Figuren bespielt, wird Vergangenheitsbegegnung deutlich. Die unverputzten Ziegelgewölbe und die gelungen angeleuchteten schwarzen Mooreiche-Skulpturen erzeugen eine intime Atmosphäre, die zu einem Begreifen führt, das der Künstler einkalkuliert: das Begreifen im Sinne einer direkten Kontaktaufnahme der Fingerspitzen auf jahrtausendealtem Holz.
Ausstellung: Arbeiten in Mooreiche im Kabinett des Museums für Bildende Kunst im Landkreis Neu-Ulm in Oberfahlheim, Dienstag 16 - 20 Uhr, Samstag und Sonntag. 13 - 17 Uhr ( bis 1. Mai).