Ulm Was geschah in der Zeit vor dem Totschlag an Esmeralda H.? Mithilfe zahlreicher weiterer Zeugen versuchte die Schwurgerichtskammer am Landgericht Ulm gestern, das Umfeld des mutmaßlichen Täters und die Umstände der Tat zu rekonstruieren. Nach Aussagen von Freunden deutete nichts darauf hin, dass Kadir D. ein furchtbares Verbrechen begehen könnte. Stunden vor dem Tod der 19-jährigen Esmeralda H. habe der Angeklagte noch mit vier Kumpels in der Neu-Ulmer Disco Simarek gefeiert und sei gut drauf gewesen: „Er hat getrunken, er hat gelacht.“
Danach sei Kadir D. in dieser Nacht plötzlich weg gewesen. Fest steht, dass er kurz nach fünf Uhr morgens das Universum-Center betrat, wie das Überwachungsvideo beweist. Etwa zwei Stunden später verließ er das Hochhaus wieder. In dieser Zeit wurde Esmeralda H. in ihrer Wohnung im 20. Stock schwer misshandelt und schließlich erwürgt oder erdrosselt.
Kadir D. ging in eine Spielhalle, wechselte hundert Euro in Münzen und zockte eine Weile. „Er sah ganz normal aus“, schilderte eine Zeugin, die damals in dem Etablissement arbeitete. Anschließend ging D. nach Hause, schnitt sich mit Rasierklingen die Pulsadern auf und sprang aus dem Fenster. Vorher verschickte er noch eine SMS an mehrere Freunde mit einer türkischen Redewendung – die in etwa heißt „Ich gehe jetzt. Gib mir Deinen Segen“ – zum Abschied.
D. überlebte jedoch und wurde wegen Totschlags angeklagt. Er bekannte sich zu Beginn des Prozesses schuldig, gibt aber an, sich an die Tat nicht erinnern zu können.
Das Gericht prüft auch, woher D. das Geld hatte, mit dem er am Tattag in die Spielhalle ging. Sollte er es dem Opfer gestohlen und es danach getötet haben, wäre das ein Mordmerkmal.
Freunde schildern den Angeklagten als „ruhig“ und „zurückhaltend“ – auch gegenüber Frauen, was zum Teil an seiner früheren Korpulenz gelegen habe. Nach Aussagen seiner Schwester hatte er in der Vergangenheit jedoch massive Probleme, wie aus dem Vernehmungsprotokoll der Polizei hervorgeht. Die Schule verließ er ohne Abschluss, die Ausbildung brach er ab und schlug sich mit wechselnden Jobs durch. Die Mutter ist tot, das Verhältnis zum Vater sei schwierig gewesen. Es habe auch Gewalttätigkeiten gegeben. Die Schwester hatte den Kontakt weitgehend abgebrochen. Zeitweise soll D. eine Art Tic oder Aussetzer gehabt haben, bei denen er plötzlich „wie eingefroren“ stehen blieb.
Nach Aussagen seiner Freunde ging es ihm in den Monaten vor der Tat wieder besser. 2009 arbeitete er im Universum-Center, ebenso wie Esmeralda H., die er im Frühjahr oder Sommer kennenlernte. Sie verstanden sich gut. Die Zuwendung, die er von ihr bekam, habe ihm gut getan, sagen Zeugen. Zu einem Freund soll er gesagt haben: „Ja, ich glaube, die passt zu mir.“ Er erhoffte sich eine Beziehung. Sie wollte aber nur Freundschaft. Als sie ihm das klargemacht hatte, habe D. „lässig“ reagiert und gesagt, er habe keine Lust mehr auf solche Spielchen, sagte ein Zeuge. Dennoch schrieb er ihr weiter SMS oder nahm per Facebook Kontakt mit ihr auf. In einem Internet-Eintrag hieß es: „Irgendwann zahle ich Dir das alles zurück. Hättest Du mir mehr Zeit gelassen, wäre alles anders gekommen.“