Startseite
Icon Pfeil nach unten
Neu-Ulm
Icon Pfeil nach unten
Ulm
Icon Pfeil nach unten

Theaterei: Wenn Sicherheiten ins Rutschen geraten

Theaterei

Wenn Sicherheiten ins Rutschen geraten

  • |
  • |
  • |
    In der Bühnenfassung des verschnörkelten Romans „Der Hang“ des Schweizer Autors Markus Werner harmonieren Bernhard Bonvicini (links) und Walter von Have auf der Kleinkunstbühne der Herrlinger Theaterei in unterschiedlichen Sprechtheaterrollen.
    In der Bühnenfassung des verschnörkelten Romans „Der Hang“ des Schweizer Autors Markus Werner harmonieren Bernhard Bonvicini (links) und Walter von Have auf der Kleinkunstbühne der Herrlinger Theaterei in unterschiedlichen Sprechtheaterrollen. Foto: Foto: Florian L. Arnold

    Blaustein Die Theaterei Herrlingen setzt ihren Kurs als feine Adresse für anspruchsvolle Bühnenfassungen von Romanen und Erzählungen konsequent mit der Umsetzung von Markus Werners „Am Hang“ fort. Der Roman, ein Dialog zweier Männer über die Liebe und, wie sich erweist, Schlüsselbegegnungen wurde von Daniel Rohr, Henner Russius und Brigitte Soraperra bühnentauglich gemacht.

    Zwei Männer treffen sich auf der Terrasse im Tessin. Scheidungsanwalt Thomas Clarin ist ein geerdeter Realist, opportun sucht sich der „eingefleischte Junggeselle“ Frauen aus und lässt sie fallen „sobald sie anfangen zu klammern“. Der andere, Thomas Loos, ist pensionierter Lehrer und reagiert auf die Einladung Clarins zu einem harmlosen abendlichen Plausch mit irritierenden Bemerkungen und Verhaltensweisen.

    Die Spannung spitzt sich zu – und bricht jäh ab

    Loos Frau ist verstorben, sein Glaube an die unbedingte, alles erfüllende eheliche Hingabe steht in harschem Gegensatz zu Clarins unverbindlichem Beziehungsbild. Während Loos erzählt, tun sich immer größere Widersprüche auf. Loos „hasst die Welt von ganzem Herzen“ und scheint Clarin mit seinen nur scheinbar lose zusammenhängenden Plaudereien mehr und mehr ins Kreuzfeuer zu nehmen. Als sich die beiden Männer zu einem zweiten Treffen verabreden, zeigt sich deutlich, dass die Begegnung Clarins und Loos’ kein Zufall war. Denn Loos Sätze verstören Clarin, der bald merkt, dass er mit Loos mehr teilt als nur das abendliche Glas Wein.

    Der Dialog der beiden unterschiedlichen Männer des Schweizer Autors Markus Werner war ein sehr erfolgreicher Roman, der Bühnen- und Filmfassungen nach sich zog. In Herrlingen verkörpern Walter von Have als Loos und Bernhard Bonvicini als Clarin die zentralen Figuren, Regie führt Walter Frei. Im wie gewohnt spartanisch-pointierten Bühnenbild von Jörg Stroh kommt das Stück allerdings zunächst schwer auf Touren.

    Als unterkühlter Scheidungsanwalt Clarin trägt Bonvicini in Monologform Einstieg und Finale des Stückes. Dynamik entwickelt die Inszenierung erst mit dem Auftritt Walter von Haves, der alle Facetten vom Romantiker bis zum Zyniker in seiner Figur aufleuchten lässt. Haves Loos ist ein kluger Erzähler, der seinen Gegenüber förmlich an die Wand drückt; Walter von Have verleiht seiner Figur eine drängende Präsenz. Wenn Bernhard Bonvicini seine Figur die Schlüsselsentenz sprechen lässt („Ich warte auf ihn als hätte ich Entzugserscheinungen“) dann ist deutlich, wer die Hauptfigur ist – auch wenn die Figur Clarins der Erzähler ist.

    So leichtgängig, amüsant und unterhaltsam weite Teile des Stückes sich entwickeln, so hakelig ist doch die Dynamik an mehreren Stellen. So ist die Figur Clarins im Vergleich zu Loos zu blass, um für den Zuschauer wirklich interessant zu werden. Der Zuschauer hängt an Walter von Haves Figur. Indem diese jedoch kurz vor der Auflösung von der Bühne abgeht, bricht der Spannungsbogen im Zenit jäh ab. Das Finale enttäuscht: ein überlanger Monolog Clarins, in dem Schlag auf Schlag hastig erklärt wird, was dem Zuschauer irgendwie schon klar ist. Eine recht unelegante Konstruktion, die das Stück statt mit dem Knalleffekt der Buchvorlage flach auslaufen lässt.

    Das ist um so bedauerlicher, da die Umsetzung des nicht immer theatergeeigneten Buches mit seinen verschnörkelten Gedankengängen auf der Bühne über weite Strecken gelungen ist und sich im Kontrast Loos-Clarin sehr gelungen der Gegensatz von Geistesmensch zu Pragmatiker abbildet. Das Premierenpublikum zollte den beiden Darstellern für ihre Leistung großen Applaus.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden