Roggenburg Im Dachstuhl des Klosters Roggenburg spielen sich derzeit Szenen wie in einem Science-Fiction-Film ab: Plastikplanen versperren Zugänge, Männer in weißen Overalls und Atemschutzgeräten klettern zwischen dicken Holzbalken umher und verteilen Chemikalien. Auf Außerirdische haben es die vermummten Arbeiter nicht abgesehen, sie müssen eine irdische – aber äußerst hartnäckige – Plage abwehren: Im Dach des Klosters tobt der Kampf gegen den widerspenstigen Hausschwamm. Der Pilz zersetzt Holz und wächst auf seiner Suche nach Wasser sogar durch Steinmauern. Im Ostflügel des Klosters hat der Schwamm offenbar jahrelang paradiesische Zustände vorgefunden: Er wucherte durch Wände und Böden bis ins Dach.
Das Ausmaß des Befalls haben Arbeiter im Zuge der Sanierung erst vor wenigen Wochen entdeckt. Nun richten die Patres bange Blicke in Richtung Dach, denn der Schwamm verteuert die Sanierung ihres Klosters. Provisor Pater Gilbert rechnet mit zusätzlichen Kosten von rund 300000 Euro: „Wir müssen wohl noch viele neue Spender finden.“ Insgesamt verschlingt die Restauration des Gebäudes 18,8 Millionen Euro. Die Prämonstratenser müssen 4,7 Millionen Euro aus eigener Tasche beisteuern. „Für uns ist das ein ganz schöner Kraftakt“, so Gilbert.
Unheimlich: Fäden des Pilzes „saugen Holz regelrecht aus“
Restaurator Michael Stacke beaufsichtigt die Sanierung im Dach für die Denkmalpflege-Firma Jacko aus Rot an der Roth – er zählt den Pilz zu seinen Erzfeinden: „Wenn man ihn sieht, ist es meistens schon zu spät, dann hat er alles zerstört.“ Zum Beweis präsentiert Stacke einen Balken, den Arbeiter aus einem befallenen Zwischenboden gezogen haben: Ein vorsichtiger Druck mit dem Daumen lässt eine Wolke aus Holzbröseln zu Boden regnen.
Und Bauleiter Christian Hilgartner von der Neu-Ulmer Firma „Nething“ kann Unheimliches berichten: Wie „Leichenfinger“ sähen die fadenförmigen Zellen des Pilzes aus. „Sie saugen das Holz regelrecht aus.“ Käfer fühlten sich daraufhin in den trockenen Balken wohl und bissen fröhlich zu. Hilgartner weiß um die Tücken seines wuchernden Widersachers: „Den bekommt man nie mehr weg – einmal Schwamm, immer Schwamm.“ Holzschutzexperte Robert Große bestätigt: „Der Pilz kann sich zurückziehen und jahrelang ruhen. Sobald er Feuchtigkeit wittert, wächst er munter weiter.“ Deshalb injizieren die Arbeiter nun per Luftdruck flüssiges Holzschutzmittel in die Mauern: Durch diese Schicht kann der Pilz nicht hindurch wachsen.
In den vergangenen Jahren hat sich der Schwamm im ehrwürdigen Gemäuer offenbar pudelwohl gefühlt: Das Dach wurde im 18. Jahrhundert mit flachen Ziegeln gedeckt, aber nicht gedämmt – Schnee konnte ungehindert durch die Ritzen ins Innere rieseln. Wasser zog nach und nach ins Mauerwerk ein: Ein gefundenes Fressen für den gierigen Pilz.
Zwar wurden Teile des Klosterdaches in den 1970er Jahren ausgebessert, weiß Restaurator Stacke. Doch damals sei man recht rustikal vorgegangen und habe die losen Balken „einfach einbetoniert“. Darunter sei die Fäulnis vorangeschritten. Nun verzögern die Betonblöcke den Kampf gegen den Schwamm, sagt Stacke: „Um einen halben Quadratmeter auszubohren, brauchen wir zwölf Stunden.“ Doch jetzt ist es vollbracht: Die Balken liegen wieder frei, die morschen Stellen wurden durch neue Hölzer ersetzt.
Schutzkleidung gegen giftige Dämmstoffe aus den 1970ern
Ein weiteres Problem: In den 1970ern wurden mehrere Balken im Dach mit polychlorierten Biphenylen (PCB), einem giftigen und krebserregenden Dämmstoff, besprüht. „Das Zeug geht über die Haut in die Lungen“, weiß Restaurator Stacke. Deshalb tragen die Arbeiter Schutzkleidung und dürfen sich nur wenige Stunden am Stück im Dach aufhalten.
Holzschutzexperte Große hofft, dass der Hausschwamm im Kloster „ein für allemal“ besiegt ist. Ein leiser Zweifel schwingt aber mit: Immerhin rechneten Forscher dem Pilz eine gewisse Intelligenz zu, sagt Große: „Wenn der Schwamm merkt, dass er bekämpft wird, kann er Sporen aussenden.“ Diese hätten sich manchmal sogar schon über Nacht gebildet.