Er soll einen Polizisten vor der Neu-Ulmer Diskothek „Simarik“ angesprungen und schwer verletzt haben, bei seiner Flucht danach zwei weitere Beamte leicht: Vor dem Neu-Ulmer Amtsgericht musste sich gestern ein 27-jähriger Mann aus Erbach vor den Augen zahlreicher Polizisten wegen vorsätzlicher Körperverletzung, Widerstand und versuchter Gefangenenbefreiung verantworten. Ein Urteil gab es nicht. Dafür blieben nach den Aussagen von sechs Zeugen aus Sicht von Richterin Gabriele Buck noch zu viele Fragen offen.
Der Angeklagte schwieg zu den Vorwürfen. Er verfolgte das Geschehen im Gerichtssaal und die Schilderungen der Zeugen äußerlich ohne jede Regung. Der Prozess gegen den 27-Jährigen wird Ende Juli fortgesetzt. Dann sollen drei weitere Beteiligte zu den Geschehnissen auf dem Parkplatz vor der Diskothek befragt werden. Zwei waren bereits zu dem gestrigen Termin geladen, aber nicht erschienen.
Angriff beendet die Karriere des 20-jährigen Polizisten
An die Nacht zum Sonntag, 7. November, wird sich der 20-jährige Polizist wohl noch sein Leben lang erinnern. Der Angriff setzte seiner Karriere ein vorläufiges Ende. Bis heute ist der 20-Jährige dienstunfähig. Dabei begann die Schicht eher routiniert, erzählte der Mann im Gerichtssaal. Ein Kollege und er seien gegen 3.30 Uhr im Streifenwagen zur Diskothek gefahren. Aus Vorsorge, wie er sagt. Einige Stunden zuvor hätten sich mehrere Streitigkeiten ereignet. In dieser Nacht habe eine aggressive Stimmung geherrscht. Ein 26-jähriger Discobesucher habe sich bei den Beamten beschwert, er sei aus der Disco geworfen worden – aus seiner Sicht zu unrecht. Die Polizisten folgten ihm zum Eingang.
Dort sei der junge Mann „plötzlich ausgeflippt“ und habe die Türsteher beschimpft. Weil sie befürchteten, er könne auf die Sicherheitsleute losgehen, wollten die Beamten den 26-Jährigen abführen. Doch der leistete erbitterten Widerstand. Er wand sich und warf sich zu Boden. Die Polizisten versuchten kniend, ihm zu zweit Handschellen anzulegen. Dem 26-Jährigen sollte gestern wegen Widerstandes der Prozess gemacht werden. Doch der Angeklagte erschien nicht im Gerichtssaal. Gegen ihn wurde ein Haftbefehl erlassen.
Plötzlich hörten die Polizisten die Schritte mehrerer Leute hinter sich. Der 20-Jährige wandte sich um: da habe ihn auch schon ein Unbekannter geschubst – und der Angeklagte ihm daraufhin einen heftigen Stoß gegen den Oberkörper versetzt. Eine Attacke mit schwerwiegenden Folgen: Er sei gegen ein parkendes Auto geprallt, ein Bein geriet unter das Fahrzeug, die Wucht überdehnte das Knie. Er habe sofort einen starken Schmerz verspürt. Zwei Angreifer wollten weiter auf die Beamten losgehen. Da seien Türsteher der Diskothek zu Hilfe geeilt.
Der Angeklagte sei nach der Attacke auf den Polizisten geflohen. Der Kollege des angegriffenen Polizisten konnte den mutmaßlichen Täter auf einem benachbarten Parkplatz aufspüren. Er setzte Pfefferspray ein, der 27-jährige Mann flüchtete. Der Kollege und ein weiterer Beamter in einem Streifenwagen nahmen die Verfolgung auf.
Der 27-Jährige habe versucht, über einen Zaun zu klettern. Als dies misslang, kam es zu einem Gerangel mit den beiden Polizisten. In einem folgenden Handgemenge zogen sich die beiden Beamten Prellungen zu, konnten den Mann aber festhalten.
Im Gerichtssaal erzählte der am Knie verletzte Polizist von seinem Martyrium: Nach dem Angriff sei er in der Uniklinik mit einer Schiene und Schmerzmitteln versorgt worden. Doch nachts sei das Gelenk immer stärker angeschwollen. In einem Augsburger Krankenhaus mussten Ärzte noch in der selben Nacht Blut aus dem Knie saugen. Die Diagnose: Kreuzbandriss und schwere Schäden an Knorpeln. Drei Operationen folgten, derzeit geht der Polizist immer noch an Krücken. Ob er in den Dienst zurückkehren kann, ist unsicher: Nach Ansicht seiner Mediziner wird er bleibende Schäden behalten. Derzeit bescheinigen ihm Ärzte eine körperliche Behinderung von 20 Prozent.
Vier Türsteher packen aus – und kritisieren die Polizei
Vier Türsteher der Diskothek schilderten die Ereignisse aus ihrer Sicht. Alle beschrieben die Stimmung rund um die Diskothek in dieser Nacht als „aufgeheizt“. Einer wollte gehört haben, wie ein Pulk von Discogängern einen Angriff auf die Polizisten auf dem Parkplatz vereinbarte. Er habe den Satz aufgeschnappt: „Die sind nur zu zweit, die machen wir fertig.“ Der Türsteher sei dann sofort hinterher gelaufen: „Das war wie ein Alarmsignal.“ Sein Kollege sprach von einer fünfköpfigen Angreifergruppe. Ein anderer vertrat die Auffassung, die Polizei habe unmittelbar nach dem Angriff auf den Beamten zu lasch reagiert. „Erst als die Disco eine Stunde später zugemacht hat, kamen mehrere Streifenwagen.“ Der Hintergrund: Gegen 5 Uhr in der selben Nacht mussten Polizisten erneut zum „Simarik“ ausrücken. Als im Tanztempel die Lichter angingen, drängten mehrere Besucher ins Freie. Auf dem Parkplatz herrschte eine aggressive Stimmung, berichteten Augenzeugen. Ein Unbekannter soll einen Stein in Richtung der Polizisten geworfen haben.
Ein Türsteher sagte, der Polizist sei nicht durch einen Stoß, sondern von einem Tritt getroffen worden – und lieferte im Gerichtssaal eine sehenswerte Einlage. Er vollführte einen Sprungtritt, holte dafür wohl etwas zu viel Schwung und traf das Richterpult, was unter den Zuschauern für Gelächter sorgte.
Ein weiterer Zeuge, der Neffe des 26-jährigen Aggressors, hatte zwar das schmerzverzerrte Gesicht des Polizisten gesehen. Nicht aber, wer wann wo stand und was getan hat. Trotz hartnäckiger Nachfragen von Staatsanwalt Matthias Rinecker und Verteidiger Daniel Mahler konnte er keine Angaben zu den Angriffen machen. Somit blieben am Ende der über dreistündigen Sitzung gestern viele Fragen offen.
Sie sollen in einem weiteren Verhandlungstag am Dienstag, 26. Juli, geklärt werden. Beginn ist um 15Uhr. Dann sollen der 26-Jährige und dessen Bruder sowie ein Türsteher aussagen. Letzterer war trotz Ladung gestern nicht erschienen. Richterin Buck verhängte ein Ordnungsgeld von 200 Euro.