Da hat sich die ehrwürdige Künstlergilde eine echte Großstadtpflanze eingebrockt, die so gar nicht in das Schema berufener Kunstlehrer passt, die sich früher in der Region jene Preise aufteilten, die mit Geld verbunden waren. Von Freunden wird die 38-jährige Wahlwienerin Anton genannt; wohl deshalb, weil sie, wenn es mal künstlerisch mit den Finanzen nicht so gut läuft, als Lkw-Fahrerin in ganz Europa unterwegs ist und vorzugsweise Neuwagen wie Feuerwehrautos und Bauwägen überführt.
Den Führerschein hat die gebürtige Augsburgerin in Ulm gemacht, wo sie eine Zeit lang der Liebe wegen Station gemacht hat. Heute lebt sie in Wien und kann dort ihr Multitalent austoben, das keine Grenzen und erst recht keine Konventionen kennt: Als da wäre die Musikerin Antonia Pöhlmann, die sich richtig an Klavier, Flöte, Gitarre und Jazzgesang ausbilden ließ, Seemannslieder verjazzte und derzeit in Wien als "Bella Schrott" mit dem Gitarristen "Jörg Tralala" auftritt: mit ewig jungen Liedern von Leonhard Cohen und einer Dauer-Hommage an Motörhead, gewiss nichts allzu Schrilles. Eine Kostprobe ihrer Musikalität wird sie heute Abend in der Künstlergilde geben, als beruhigende Begleitmusik zu ihren irrwitzigen Raumcollagen und andere Originalitäten, die sich in den riesigen Ausstellungsräumen in der Nagelstraße 24 als improvisiertes Gesamtkunstwerk entwickeln sollen.
Damit wären wir bei der bildenden Kunst dieser "multiplen Person", wie sie sich selbst auch nennt: Ihre Spezialität sind inspirierte und inspirierende Kombinationen von Bildern, Flächen, Wörtern und mehr. Da ist das Betrachterhirn gefordert, wenn sie Kunstwerke als "Herzscheiße" oder "Waterloo der Befindlichkeiten" beschriftet und empfindliche Gemüter mit "Minipornos für Linkshänder" (frei nach der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek) schocken könnte. Beim Gespräch mit der NUZ überlegte sie noch, ob sie in der Galerie auch eines ihrer Lieblingswerke ausstellt: "Manisch-depressives Scheißpapier". Zartbesaitete Gemüter kommen aber bei Antonia, der Lebenskünstlerin im wahrsten Sinn des Wortes, auch auf ihre Kosten, wenn sie das rührende Bildchen "Drei Blümchen springen ins Meer" oder ein "Ochse steht im Wasser" glücklich betrachten können: Letzteres ist auf die Ulmer Brauerei Goldochsen gemünzt.
Und natürlich zieren zahlreiche Objekte wie Kissen und Tücher das Logo von "Cäcilia", ihrer Heiligen der Orgel und Hausmusik mit dem Logo eines Schwertfisches, weil Cäcilia ein Schwert und eine Rose in ihren Händen hält. Dieses Abbild einer älteren Frau mit schwarzem Kopftuch aus dem frühen 20. Jahrhundert versinnbildlicht ihre Sekte, die sie kürzlich gegründet hat, sagt sie mit verschmitzter Miene und schüttelt ihre beiden Rolex-Uhren, die sie für fünf Euro auf dem Wiener Naschmarkt gekauft hat und jetzt immer trägt. Antonias Vater, ein Musiklehrer hat ihr Tun einmal als Idiotismus bezeichnet. Sie konterte: "Was ist der Unterschied zwischen Dir und mir?" - "Der Unterschied ist, dass ich für meinen Idiotismus ein Diplom mit Auszeichnung bekommen habe". Da kam doch ein wenig Vaterstolz auf seine fantastische Tochter auf, die mehrere Leben in Parallelwelten zu führen scheint.
Sie ist Magistra der Künste mit Auszeichnung Bühnenbild, hat bei dem Leander-Haußmann-Film "Sonnenallee" als Praktikantin mitgewirkt - die zuweilen brotlose Kunst finanziert sie als Schmuckverkäuferin, Kellnerin und Köchin, Telefonistin, Möbelschlepperin, psychologische Krisenberaterin usw. und sammelt gleichzeitig neue Ideen. Ihre Bilder versteht sie nämlich als Kurzgeschichten "aus dem idiotischen Glauben, dass da jemand ist, der das hören und sehen will und sollte".
Eines ihrer Werke ist als "Individualsozialismus oder die Kunst macht frei" betitelt. Man sieht winzige Miniaturen einer Zeichnung von David Shirgley, an dem sie besonders hängt. Sie gibt dem Reporter eine Anleitung in die Hand, wie man in acht Schritten Individualsozialist wird. Mit dem Ziel wohl, schon Mal ein Widerspruch in sich selbst zu sein.
Ausstellung Eröffnung mit Antonia Pöhlmann ist heute Abend, 20 Uhr, in der Künstlergilde in der Nagelstraße 24 (bis 11. Juli), geöffnet bis 11. Juli, Donnerstag (17-20 Uhr), Samstag (14-17 Uhr) und Sonntag (11-17 Uhr). Eine Schaufensterausstellung läuft zeitgleich im Ulmer Café Rosi in der Frauenstraße 50.