Michael Riessler ist vor der vielköpfigen Uraufführung seines Chorwerks „Sirens“ hoch motiviert Von Roland Mayer
Ulm Als Vögel mit Menschenköpfen sind die Sirenen, die penetranten Stimmwunder der griechischen Mythologie, in einer antiken Darstellung überliefert. Es gelang sowohl Odysseus als auch Orpheus, an der Insel der Sirenen vorbeizusegeln, ohne dem Sog ihres betörenden Gesang zu erliegen.
Homer inspiriert gibt sich der in Ulm geborene Klarinettist Michael Riessler: Am Sonntag um 19 Uhr bringt er sein vielstimmiges Chorwerk „Sirens“ im Zusammenwirken mit dem Münchner Madrigalchor im Treppenfoyer des Stadthauses zur Uraufführung.
Jonglieren zwischen Chor- und Vogelstimmen
Der wagemutigen Ulmer Uraufführung gingen bereits etliche „Sirens“-Produktionen in immer wieder veränderten Fassungen voraus. Einer Studioproduktion folgte eine WDR-Aufnahme durchs Studio Akustische Kunst mit neuen Improvisationen. Und im Park des Louisiana-Museums Kopenhagen war Klarinettist Michael Riessler mit Mikroport ins Live-Geschehen eingebunden.
Vor gut drei Jahren stieß Riessler, der Spezialist in Sachen Neue Musik, auf eine von der UNESCO herausgegebene CD, die in Tracks von jeweils zwei bis sieben Sekunden isolierte Gesänge von vom Aussterben bedrohten oder bereits untergegangenen Vogelarten vereinte. Darunter waren nicht nur exotische, sondern auch heimische Schnabellaute. Riessler war hingerissen.
Mit dem Vogelstimmenalbum ging er ins Studio. Als wären es kleine Chorstimmen, begann er, Gesangssoli, Kammermusik, menschliche Chorstimmen und rhythmische Modelle dazu zu komponieren. Die Arbeit auf dem Notenpapier griff dabei auf Zwitscherlaute vom Solo bis zum brausenden Vogelschwarm zurück. Riessler ging es darum, „akustische Wesen“ in der Symbiose herzustellen. Beim lautmalerischen Jonglieren zwischen menschlichen Chören und Vogelstimmen werde das im Studio erarbeitete Material über Boxen eingespielt. Das Stadthaus könnte so zum imaginären Raum einer ganz besonderen experimentellen Klanginstallation werden, die von Chorsängern, Musikern und nicht zuletzt von den Improvisationskünsten der Bassklarinette Michael Riesslers lebt.
„Der menschliche Chor erzählt ganz in der Tradition einer griechischen Tragödie die Geschichte des Odysseus“, sagt Komponist und Interpret Riessler, der ins musikalische Geschehen auch rhythmisches Schreien einbinden will. Nach stürmischen Entwicklungen soll betörender Singsang sich schließlich in Richtung Madrigal befrieden. Doch ein Epilog markiere wie in der klassischen griechischen Tragödie: „Nichts ist rückgängig zu machen.“
Michael Riessler hofft, im Stadthaus einen Sound hinzukriegen, der dem Abenteuer auf einem schwankenden Boot gleichkommt. Am Sonntagmittag ist Generalprobe. „No risk, no fun“, schmunzelt Riessler und gibt gleichzeitig Einblick in seine kompositorische Vorgehensweise: „Diese Dinge, die ich kombiniere, sind bis ins Detail ausgearbeitet. Umso größer ist die Freiheit danach. Ich liebe das Live ist Live.“ In diesem Zusammenhang dürften sowohl der Chor als auch das Publikum „eine kleine Überraschung erleben.“
Denn bei der Uraufführung am Sonntag wirkt Riessler auf der Oberen Ecktreppe mit Blickkontakt zum Dirigenten Martin Steidler des (auf viele Nischen verteilten) Münchner Madrigalchores, der eigentlich erst am Sonntag so richtig weiß, was auf dem Münsterplatz so alles auf ihn einprasselt. Dazu Komponist Michael Riessler: „Ich weiß, was ich tue“.
Uraufführung Michael Riesslers Chorwerk „Sirens“, Sonntag, 5. Februar, 19 Uhr, im (bestuhlten) Treppenfoyer Stadthauses. Kartenreservierungen unter der Telefonnummer (0731) 610750.
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