Burgheim-Wengen Eigentlich könnte er längst dem süßen Nichtstun frönen, aber er lebt immer noch im Unruhestand. Tagtäglich steht Gregor Hefele in seiner Werkstätte vor dem Feuer und hämmert am Amboss am glühenden Eisen. Der Schmiedemeister aus dem Burgheimer Ortsteil Wengen ist einer der Letzten seiner traditionsreichen Zunft im Landkreis.
„Vor 60 Jahren bin ich nach Hollenbach in die Lehre gekommen“, erzählt er und seine Gedanken schweifen zurück. Viel hat sich in diesen sechs Jahrzehnten verändert. Es war eine gewaltige technische Revolution, in deren Folge die Landwirtschaft total umgekrempelt wurde.
Für den Transport gab es den Bretterwagen, aber auch den Truhen- und Leiterwagen, davor waren Pferde und Ochsen gespannt. Mit bloßer Muskelkraft musste per Schubkarren Gras, Heu oder Stalldung verfrachtet werden. Und die landwirtschaftlichen Gerätschaften waren keine Fabrikware, sie wurden allesamt per Hand gefertigt.
Der Schmied war eine Institution im Dorf. Seine Aufgabe war es, die verschiedensten Holzteile, die vom Wagner gefertigt worden waren, mit Eisen zu versehen, um ihnen Stabilität zu verleihen. Da mussten die Eisenreifen über das Holzrad aufgezogen und aufgebrannt werden, die Räder bekamen die Eisenachsen und die Radnaben zum besseren Halt Eisenringe. Einen „TÜV“ gab es anno dazumal für das Transportwesen nicht.
Auch die Egge war aus Holz und die Zähne daran fertigte und befestigte der Schmied. Und weil die Winter damals mit mehr Schnee gesegnet waren, unterlegten die Landwirte ihre Wagen mit vom Schmied gefertigten Kufen und hatten so einen Schlitten als Gefährt, den die Vierbeiner ziehen mussten. So war der Schmied in der guten alten Zeit Mädchen für alles auf dem Dorf, wenn es um Eisen oder Blech ging. Auch die Nägel und Klammern für den Bau kamen aus der Schmiede, ebenso die Scharniere und Schlösser. Nicht zu vergessen waren die Reparaturen, die in der Werkstatt ausgeführt wurden.
Vor allem in der kalten Jahreszeit kamen die aufschiebbaren Arbeiten an die Reihe. Die Landwirte trafen sich in der Schmiede, und während der Meister hämmerte, tauschten die Besucher ihre Neuigkeiten aus. So war die Werkstätte zugleich die Informationsbörse. Rechnungen wurden nicht bei der Warenausgabe geschrieben. Diese erstellte der Handwerksmeister nur um Neujahr und kassierte nun den Lohn seiner letzten 365 Tage. Doch mit der modernen Technik änderte sich auch das Inkassowesen.
„Ich war 13 Jahre alt, als ich in die Lehre kam und am Amboss das erste Eisen schmieden durfte“, denkt Gregor Hefele zurück. Später übernahm er die elterliche Werkstätte in Wengen, die sein Vater 1930 käuflich erwarb. Ab 1959 kam der große Umbruch, erinnert sich der Handwerksmeister. Die Schlepper verdrängten die Pferde, die bäuerlichen Geräte wurden in Serie produziert und kamen aus der Fabrik.
„Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist,“ diesen Leitspruch verwirklichte Hefele und schmiedete nicht nur, sondern bog auch seinen Beruf in zeitgemäßen Bahnen um. Denn nur, wer sich damals auf den Verkauf und die Reparatur von Landmaschinen umstellte, ging mit der Zeit. Dies hatte Hefele rechtzeitig erkannt und stieg in dieses Geschäft ein. So wurde aus der Schmiedewerkstatt ein moderner Landmaschinenbetrieb und konnte so überleben. Im Übrigen übernahm sein einstiger Lehrling den Betrieb Hefele und führt ihn im Burgheimer Ortsteil Ortlfing weiter.
Der Meister selbst kann auch im Ruhestand nicht ohne Arbeit sein. Und so klopft Gregor Hefele vormittags immer noch in seiner bisherigen Werkstätte und nimmt kleinere Reparaturen vor. Zugleich ist der dem heutigen Betriebsinhaber behilflich und leistet dort noch gute Dienste.
Trotz des Ruhestands hat Gregor Hefele aber auch noch einen offiziellen Auftrag. Bei Südzucker in Rain bildet er nach wie vor jährlich vier Lehrlinge im praktischen Schmiedehandwerk aus. Über diese Aufgabe freut sich der Senior und macht sie wegen des Kontaktes mit den jungen Leuten besonders gerne. Auch früher galt es schließlich stets vorauszuschauen, anders wäre es nicht zu bewältigen gewesen. „Es waren Zeiten mit gewaltigen Umbrüchen, die sich keiner in den kühnsten Träumen vorstellen konnte.“