Ingolstadt Henning Scherf war erst Mitte 40 und es sollte noch Jahre dauern, bis er überhaupt zum Bremer Bürgermeister (1995–2005) gewählt wurde und damit auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere angelangte. Und doch machte er sich bereits Gedanken übers Altsein. Seit er mit seiner Frau und gleichaltrigen Freunden vor 24 Jahren in eine „Alten-WG“ mitten in der Bremer Innenstadt gezogen ist, gilt Scherf als Vorreiter eines neuen Lebensmodells. Nicht nur das: Er hat mit seinem Buch „Grau ist bunt“ eine öffentliche Diskussion über die Zukunft des Altwerdens losgetreten. Das Klinikum Ingolstadt hat Scherf am Mittwochabend mit dem Hildegard-Hampp-Preis ausgezeichnet. Damit werden Menschen geehrt, die sich in besonderer Weise um die Gerontopsychiatrie verdient gemacht haben.
Im Oktober feiert Scherf seinen 73. Geburtstag, und er ist ein entspannter Alter. Sein Rat: „Wir sollten nicht panisch werden vor dem Alter.“ Denn genau das fürchtet er: eine Gesellschaft, die Angst hat vor dem Alter und die Alten einfach in Heime abschiebt. „Mein Wunsch ist, dass wir keine Gettos schaffen“, sagt Scherf. Er selbst habe keine Angst vor dem Alter, nicht einmal vor einer Demenz: „Ich bin eher neugierig.“
Laudator Professor Hans Förstl von der TU München hatte Scherf einen „Leuchtturm, der ein Licht wirft auf unsere soziale Verantwortung“ genannt. Und das tut der Bremer auch. Was mit psychisch Kranken weitgehend gelungen sei, dass, so plädiert der SPD-Mann, sollte auch mit der Generation 60+ gelingen: Sie sollen gemeinsam inmitten der Stadt, inmitten der Gesellschaft leben. Zum Vorteil für beide Seiten. Kinder zum Beispiel, sagt Scherf, können manchmal eine ganze Therapie ersetzen. Er erinnert sich an einen alten Grantler, der den ganzen Tag nur schimpfte. Als der auf ein paar kickende Jungs auf einem Bolzplatz traf, war er plötzlich wie ausgewechselt. Er erklärte ihnen ein paar taktische Winkelzüge und die Jungs waren begeistert von seinem Wissen.
Doch Scherf nimmt die rüstigen Alten auch in die Pflicht. Er fordert soziales Engagement von ihnen, ein Ehrenamt ohne das ständige Schielen auf eine finanzielle Entlohnung. Zwar gebe es durchaus Senioren, die für ihren Lebensunterhalt noch arbeiten müssen, räumt Scherf ein, doch er verweist auf das Gros der Alten: „So eine wohlbetuchte ältere Gesellschaft wie heute hat es noch nie gegeben.“
Ganz am Hände hält Scherf noch seine Krawatte ins Publikum, die Bremer Stadtmusikanten sind drauf. Und was all diese Kreaturen, die scheinbar zu nichts mehr nutze waren, die auf der Schlachtbank landen sollten, geschafft haben, das gebe Mut, sagt Scherf: „Zusammen sind sie stark.“