Die Katastrophe an den Reaktoren in Japan sieht er erst am Anfang. Und nein, die Gegner der Kernkraft würden das Leid in Japan nicht instrumentalisieren, aber: „Wir wären die Dümmsten, wenn wir daraus nicht lernen würden.“ Raimund Kamm ist seit Jahrzehnten ein Mahner in Sachen Atomreaktoren. Das Vorstandsmitglied von „FORUM – Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik“ hat am Freitag in Ingolstadt nicht nur über unseren nächsten Nachbarn, das Kraftwerk Gundremmingen mit seinen beiden Siedewasserreaktoren, referiert. Er rechnete auch vor, dass ein kompletter Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie ohne Stromimporte bereits jetzt möglich ist.
Auch nach Jahren ist eine Kernschmelze noch möglich
„Ich halte es für ethisch höchst unmoralisch, dass 30000 Generationen nach uns unseren Müll ertragen müssen.“ Müll, für den es immer noch keine Endlagerstätte gebe. „Ein einziger Castorbehälter enthält mehr Radioaktivität als beim Unfall in Tschernobyl freigesetzt wurde.“ Jahre später, so Kamm, herrschten im Inneren eines Castors Temperaturen von 240 Grad Celsius, an der Außenhülle immer noch Temperaturen von rund 80 Grad.
„Würde die Kühlung versagen, könnte es auch in einem solchen Behälter nach Jahren noch zur Kernschmelze kommen. Mit allen verheerenden Nachwirkungen wie jetzt in Fukushima.“ Drastische Bilder projizierte Raimund Kamm in die Köpfe der Zuhörer, bot aber auch einen Ausweg aus der „immensen Gefahr, die die Atommeiler darstellen“. Ein Unfall wie in Japan und Bayern, wie wir es heute kennen, würde aufhören zu existieren, so Kamm.
Tempolimit auf der Autobahn wäre ein wichtiger Beitrag
Deutschland – Privathaushalte und die Industrie zusammengerechnet – braucht zu Spitzenlastzeiten rund 80 Gigawatt Strom. Selbst wenn wir die 20 Gigawatt, produziert in unseren Atomkraftwerken, abziehen, erhalten wir immer noch 70 Gigawatt aus unseren Kohlekraftwerken, 10 Gigawatt aus der Wasserkraft und sechs Gigawatt (GW) aus der Biomasse. Noch gar nicht mitgerechnet, weil nicht gleichmäßig verfügbar, seien bei dieser Rechnung die Windkraft (27 GW) und die Photovoltaik (18 GW). „Natürlich müssen wir den CO2-Ausstoß kompensieren.“ Und das ließe sich mit verschärften Neubaubestimmungen, einem Tempolimit auf unseren Autobahnen und vor allem durch ein Standby-Verbot von Elektrogeräten bewerkstelligen.
Kamm sieht vermehrt Naturschutzargumente fadenscheinig gegen Windkraftanlagen vorgeschoben, nur weil man sie nicht haben wolle. Und zu deren Energiebilanz sagte Kamm, dass diese sich energetisch bereits nach wenigen Monaten amortisieren. „Und auch die modernen Photovoltaikanlagen brauchen heute nur zwei bis drei Jahre, bis sich ihre Herstellung energetisch rechnet.“
Kamm sieht Japan erst am Anfang der Katastrophe. „In einigen Wochen diskutieren wir womöglich, wie viele Japaner wir aus humanitären Gründen in Europa aufnehmen.“