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Schloss Reimlingen: Die ganze Fülle des Gitarrenklangs

Schloss Reimlingen

Die ganze Fülle des Gitarrenklangs

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    Christian Reichert im Schloss Reimlingen: sympatisch und technisch überragend.
    Christian Reichert im Schloss Reimlingen: sympatisch und technisch überragend. Foto: Hennerfeind

    Reimlingen Der Gitarrist Christian Reichert spielte im Reimlinger Schloss. Zu jedem der vorgetragenen Stücke gab er eine kurze Einführung. Er wählte als Erstes „Grand Solo, op. 14“ von Fernando Sor (1778 bis 1839), einem Zeitgenossen Mozarts. Mit zarter Berührung seiner Gitarre setzte er die ersten Akkorde und schuf den Klang-raum, in den sich die Zuhörer hinein begeben konnten. Es war ein Spiel mit der Erwartung des Endes, das genau dann nicht kam, wenn man ganz sicher war. Aufgebaut aus filigranen Miniaturen, die sich von Variation zu Variation verdichten und immer mehr konzertanten und dann virtuosen Charakter annehmen. Plötzlich glaubte man ein Cembalo zu hören mit seinen beiden Manualen „forte“ und „piano“. Dann, gegen Ende, übergehend in eine orchestrale Akkordfülle.

    Schwermut geht über in Leidenschaft

    Es folgte „Capricho Arabe“ von Francisco Tárrega (1852 bis 1909), Reformer der Gitarrenmusik. In wenigen Grundakkorden wird in die arabische Klangfarbe eingeführt, um dann in eine melodiöse, schwermütige Tonkombination zu führen, die an Leidenschaft zunimmt. Ohne die ideenreichen, feinfühligen Melodien aufzugeben, entwickelt sich das Stück hin zu einem weichen, einschmeichelnden Gitarrenklang. Vom gleichen Komponisten folgte noch „Gran Jota“. Geschrieben in der Form eines spanischen Tanzes (Jota) mit Variationen.

    Aus der Zeit um 1920 bis 1940 erklang „Pelude No. 1“ und „Choro No. 1“ von Heitor Villa-Lobos, einem bekannten Opern-, Ballett- und Chorwerke-Komponisten aus Rio de Janeiro. In diesen Stücken wird der brasilianische Einfluss hörbar. Schwermütig fließend wird die Klangfarbe seiner Heimat aufgebaut. Eher verschlossen und nach innen gewendet werden vorsichtig Öffnungen für das Leichte und Lebensfreude Vermittelnde geschaffen, um durch sie hinaus zu greifen in die Fülle des Lebens und die Lust am Schönen. Dann werden Bande geknüpft von zart bis eng – eine lebensnahe Musik.

    Fast wie im Klang eines Klaviers

    Der Chopin der Gitarre, Agustin Barrios (1885 bis 1959), dessen Vorbild Francisco Tárrega war, schrieb nach dem Tod seiner Frau ein Werk mit drei Sätzen: „La Catedral“, wobei es sich um die Kathedrale von Montevideo handelt. Der erste, „Preludio Saudade“, in fast klavierhaftem Klang, beschreibt die Schwermut, wie mit langen Pedalsequenzen, und bleibt innig und zärtlich. Als Zweites: „Andante Religioso“. Am Anfang, wie die Repetition der Frage „Warum?, Warum?“, dann entsteht aus Anklagen heraus schrittweise Versöhnung. Im dritten Satz, „Allegro Sol“ erwacht Stufe um Stufe der Lebensfluss der wahrgenommenen Gegenwart und geht hinüber zum Blick nach vorne.

    All dies einfühlsam und meisterlich vorgetragen von Christian Reichert, veranlasste die Zuhörer zu einem lange anhaltenden Applaus vor der Pause.

    Im zweiten Teil, der eher zeitnahen Komponisten gewidmet war, erklang zunächst „Sons Carrilhoes“ (Glockenklang) und „Po de Mico“ (Juckpulver) von João Pernambuco, einem in Jatoba bei Rio de Janeiro geborenen Künstler, der zuerst den Beruf eines Schmiedes erlernte und Analphabet war. „Sons Carrilhoes“, schwingend und tragend; „Po de Mico“ flott fließend, mit vielen Glissandi, melodiös und so richtig zum Mithüpfen.

    Dann folgten Kompositionen von Baden Powell (1937 bis 2000) aus Rio de Janeiro, der es verstand, afro-brasilianische und europäische Musik auf hohem Niveau zu verschmelzen. Bei „Chara“, einem stark im Rhythmus betonten Werk, war man von der veränderten Klangfarbe überrascht. Im „Valse sem Norne“ folgte nach einer leisen Introduktion, die noch nicht zeigte, wohin es geht, der Walzer, der bald konzertante Formen annahm. Bei „Astronauta“ erfolgt nach verschiedenen Variationen eine langsame Überleitung, die abrupt acceleriert, von lebhaft zu schnell, um dann im hart rhythmischen, virtuosen Takten zu enden.

    Mit Tim Jobims (1927 bis 1994) „Garota de Ipanema“ (am Strand von Ipanema), zog die heitere Note ein, bei der die Zuhörer aktiv mitmachen durften.

    Es folgte ein brasilianischer Evergreen „Tico Tico no Fuba“ von Zequinha de Abreu, (1880 bis 1935) aus São Paulo, mit seinen flott fließenden, variantenreichen Rhythmen. Weiter ging es mit „Granada“, einem Weltschlager für Tenor und Chor, den Agustin Lara (1897 bis 1970) im Jahr 1932 schrieb. Auf der Gitarre, im Ausdruck der Bewunderung für die Schönheit der Stadt, in feiner Melodik interpretiert, und dann im Finale mit kräftigen Akkorden abgeschlossen, versetzte der sympathische und technisch überragende Künstler seine Hörer in wahre Begeisterung und löste Beifallsstürme aus.

    Nimmer endenden Kreislauf musikalisch dargestellt

    Er bedankte sich noch mit drei Zugaben, einer Eigenkomposition, „Fiesta Espanola“, als musikalische Referenz an Spanien, dem Tango „Skai“ (Kunstleder), einem nachempfundenen argentinischen Tango und „Foco“ (Feuer), der das Getriebensein, die Leidenschaft und das Verlangen eines Kettenrauchers in einem nimmer endenden Kreislauf musikalisch darstellt.

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