Der Mann, der am Karsamstag in Berlin einen U-Bahn-Schläger davon abhielt, den bereits schwer verletzten Markus P. zu töten, ist der 21-jährige Maler und Lackierer Georg Baur aus Hürnheim im Nördlinger Ries. Gegenüber unserer Zeitung schildert er, wie er den Vorfall erlebte: Am Karfreitag war er mit einem Freund nach Berlin gefahren, um dort das Osterwochenende zu verbringen.
Nach einem Discobesuch warten sie am Samstagmorgen gegen 3.30 Uhr auf ihre U-Bahn. Bereits im Vorfeld bemüht sich Georg Baur, einen Streit zwischen zwei 18-Jährigen und einem 29-jährigen wartenden Fahrgast zu schlichten. Das gelingt zunächst, doch dann kommt es zur Rangelei.
Als Baur einen Schlag hört, steht er auf und muss erst eine Säule umrunden, um zu sehen, was passiert. Markus P., den er kurz zuvor in Schutz nahm, liegt reglos am Boden – Millionen sehen später Aufnahmen, die zeigen, wie einer der beiden Schläger ihn viermal mit dem Fuß auf den Kopf tritt. Der Täter nimmt gerade Anlauf, der nächste Tritt oder Schlag hätte laut Polizei das Opfer definitiv getötet.
Was ging in dieser Sekunde in Georg Baur vor? „Gar nichts“, sagt er. „Hätte ich erst überlegt, hätte ich wohl nicht eingegriffen. Erstens wäre es ohnehin zu spät gewesen, zweitens hätte ich gedacht, der andere hat vielleicht ein Messer, ist schon in Rage, entfesselt mehr Energie.“
Aber so lässt Georg Baur einer Kraft Lauf, die er selbst als normal empfindet: „Jeder hat einen Hilfsinstinkt, zögert nicht, wenn ein Kind oder ein alter Mensch in eine Notsituation gerät.“ So prallen die pure Aggressionslust, die der Täter später schildert, und der ohne Zögern freigesetzte Rettungsinstinkt aufeinander – im wahrsten Sinne des Wortes. Der kräftige Rieser stößt den völlig unkontrollierten Täter aus seiner Bahn, ringt ihn nieder, hält ihn im Schwitzkasten fest.
Was dann passiert, kann er jetzt weniger fassen als das Verbrechen selbst: Mittlerweile ist eine Schar Schaulustiger versammelt, die aus zum Teil einem Meter Entfernung tatenlos zusieht, wie der 18-jährige Freund des Täters Anlauf nimmt und Georg Baur in den Rücken springt. Eine Frau rennt los und drückt einen Alarmknopf, sonst rührt niemand einen Finger. Durch die Attacke des Mittäters kommt Baur ins Wanken, der Täter kann sich befreien und mit dem Mittäter fliehen. Da sie wissen, dass sie gefilmt wurden, stellen sie sich später der Polizei.
Georg Baur geht die Gaffer genauso konsequent an wie die Täter: In seinem minutenlangen Ringen mit dem Mann hatte er den Umstehenden in die Augen geschaut und geschrien, sie sollen doch auch eingreifen. Einige standen wohl unter Schock, andere gingen einfach weiter. Als er weiß, dass Rettungskräfte auf dem Weg sind, holt Baur einige der Zuschauer zurück, zwingt sie, das schwer verletzte Opfer anzusehen und prangert ihre Mitschuld an. Er weiß, dass bei ihnen Angst vor der Rage und vielleicht einer Waffe des Täters die Oberhand gewann. Doch für ihn persönlich ist das keine Rechtfertigung: Er lasse sich lieber selbst verletzen, sagt er, als zuzusehen, wie jemand getötet wird: „Damit könnte ich nicht leben.“
Es ist Georg Baur jetzt wichtig, möglichst viele Menschen zu überzeugen, instinktiv zu helfen – nach Möglichkeit gemeinsam. „Der Appell zur Hilfe soll bei möglichst vielen Menschen ankommen.“
Die Mutter des Opfers Markus P. hat sich schon bei Georg Baur gemeldet. Sie wollte wissen, wie sie ihm nur danken könne. „Da gibt es nichts zu danken, ich habe geholfen, wie es ein normaler Mensch macht“, antwortete er – wohl wissend, dass es offenbar eben doch nicht so normal ist, zu helfen.