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Schule: Wenn wier schraibn, wass wier hoern

Schule

Wenn wier schraibn, wass wier hoern

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    Nördlingen In einer Rechtschreibkrise? Nein, in einer Krise sei hier keiner, entgegnet Gerlinde Remberger, Grundschullehrerin der dritten und vierten Klasse in Marktoffingen schnell. Aber Veränderungen? Ja, die gebe es schon: „Der Lehrplan hat sich in den letzten Jahren sehr verändert.“ Man konzentriere sich nicht mehr so stark auf die Rechtschreibung wie früher.

    Denn statt sich jahrelang mit der Orthografie und der richtigen Schreibweise bestimmter Wörter herumzuplagen, sieht der heutige Lehrplan in bayerischen Schulen etwas anderes vor. „Der Fokus liegt mehr auf der Kreativität und der Freude am Schreiben“, erklärt Renate Heinrich, Direktorin des staatlichen Schulamtes im Landkreis Donau-Ries. Der Spaß an der Sprache sei wichtiger geworden, anstatt die Kinder in ihrem Schreibfluss zu hemmen, stehe gerade anfangs die phonetische Schreibung im Vordergrund.

    Die Kinder schreiben also zunächst so, wie sie die Wörter hören.

    „Lesen durch Schreiben“ als Unterrichtskonzept

    Zurück geht dieses Konzept auf die Ideen des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen. Reichen ging es darum, den Drill in Klassenzimmern abzuschaffen und die Kreativität der Kinder im Gegenzug zu fördern. Sein Konzept nannte er „Lesen durch Schreiben“.

    Doch was kommt dabei heraus, wenn wir tatsächlich das schreiben, was wir hören? „Furchtlose Schreiber“, die „Fogl“ („Vogel“) ebenso angstfrei aufs Papier pinseln wie „Krüsanteme“ („Chrysantheme“) oder „Oile“ („Eule“)?

    Edith Disselberger, Rektorin der Max-Dünßer-Grundschule in Wallerstein, sieht diese Entwicklung skeptisch: „Wir müssen den Kindern schon sagen, wenn sie etwas falsch schreiben.“ Bei Texten mehr auf Kreativität oder den Aufbau zu achten, sei zwar durchaus wichtig, sollte aber nicht im Zentrum stehen.

    Schüler machen mehr als doppelt so viele Fehler wie früher

    Eine Studie der Universität Siegen, die unlängst im Spiegel veröffentlich wurde, greift diese Problematik auf. Demnach machen Viertklässler in Nordrhein-Westfalen 2013 mehr als doppelt so viele Fehler als noch vor 40 Jahren: kamen im Jahr 1972 auf 100 Wörter im Schnitt 6,9 Fehler, sind es heute 16,9. Wolfgang Steinig, Professor für Germanistik an der Uni Siegen, der die Studie in Auftrag gegeben hat, nennt diese Ergebnisse „dramatisch“.

    Schulamtsdirektorin Renate Heinrich warnt jedoch davor, die Schuld an dieser Entwicklung im Lehrplan zu suchen. Zwar habe auch sie den Eindruck, dass sich die Schreibleistungen der Kinder über die Jahre hinweg verschlechtert hätten, die Gründe dafür seien allerdings vielfältiger: „Kinder lesen heute viel weniger als früher und sind deshalb das Schriftbild nicht mehr gewohnt.“ Zudem seien viele Fremdwörter und Anglizismen im Umlauf, die das richtige Schreiben erschwerten. „Die Probleme liegen aber nicht nur bei den Kindern. Wir leben generell in einer Gesellschaft, die die Rechtschreibung nicht mehr so stark im Fokus hat.“

    Neue Medien tragen Mitschuld an Verschlechterung

    Wie wenig fokussiert wir im Alltag auf korrekte Schreibweisen sind, sieht man vor allem im SMS- oder E-Mail-Verkehr. „Wir hauen oft ohne Rücksicht auf Verluste in die Tasten“, findet auch Hermann Kucher, Rektor der Grundschule Marktoffingen. Gerade in den Neuen Medien werde Sprache nur noch verkürzt und ohne Beachtung der Groß- oder Kleinschreibung verwendet. „Zudem bügeln die Rechtschreibhilfen der Computer viele Fehler automatisch aus.“

    Auch er hat den Eindruck, dass sich die Orthografiekenntnisse der Kinder in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert hätten. Anders als Heinrich sieht er jedoch vor allem die Lehrer in der Pflicht: „Die Schulen müssen mehr Dampf machen.“ Um seinen Schülern eine korrekte Rechtschreibung beizubringen, setzt der selbst ernannte „Lehrer vom alten Schlag“ deshalb nach wie vor auf Schreibübungen. „Rechtschreibung ist eben eine Sache des Trainings und Lernens.“ Eine Schule ohne Anstrengungen sei nach wie vor nicht möglich.

    Verantwortung liegt auch bei den Eltern

    Dass die Rechtschreibleistungen der Schüler abgenommen haben, beobachtet auch Johanna Eberhardt, Rektorin der Hans-Schäufelin-Grundschule in Nördlingen. Wie Kucher sieht auch sie die Schulen in der Pflicht: „Der Handlungsbedarf ist da. Wir sollten wieder mehr Wert auf Fördermaßnahmen legen.“ Dennoch liegt die Verantwortung für die Lehrerin auch im Elternhaus: „Gerade der Wortschatz eines Kindes wird von Eltern sehr stark beeinflusst.“ Wie gut ein Kind schreiben und wie tief es dabei in die Wortkiste greifen kann, für Eberhardt auch eine Sache der häuslichen Erziehung und Förderung.

    Eines sollte man zudem nicht vergessen: Nicht alles ist schlechter geworden – das zeigt auch die Studie. So schreiben die Schüler von heute oft freier, kreativer und phantasievoller. Statt dem sturen Pauken von Rechtschreibregeln stehen vielmehr soziale Kompetenzen wie die Kommunikation im Fokus. Für Grundschullehrerin Gerlinde Remberger steht deshalb fest: „Der neue Lehrplan ist gut.“ Die Kinder langsam und mit Freude an richtige Schreibweisen zu gewöhnen, sei schließlich sinnvoller als stumpfer Unterricht.

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