Samstag, 21. Oktober 2017

04. Juni 2015 08:19 Uhr

Zwölf Stämme

Worum es bei dem Konflikt zwischen Zwölf Stämmen und Behörden geht

Die Fronten zwischen der Sekte Zwölf Stämme und den Behörden sind verhärtet. Bestandsaufnahme eines Konfliktes, der keine Sieger hervorbringen wird.

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Gut Klosterzimmern, der Sitz der Zwölf Stämme. Hier lebten vor zwei Jahren noch an die 100 Menschen. Mittlerweile hat die Gemeinschaft nach eigenen Aussagen nur noch etwa 50 Mitglieder.
Foto: Jan Kandzora

Der Hubschrauber fliegt ein wenig abseits über Klosterzimmern, bleibt dort eine Weile und knattert laut, dann dreht er ab und verschwindet. Es ist der Zeitpunkt, an dem sich auch Carsten Hennigfeld entscheidet, wieder aus Klosterzimmern zu verschwinden. Hennigfeld und seine Frau Britta sind Mitglieder der Sekte Zwölf Stämme, die ihren Sitz in dem ehemaligen Klostergelände hat.

Doch die beiden sind dort nur zu Besuch. Sie leben jetzt im Ausland, wie Carsten Hennigfeld sagt. Aus Angst, die deutschen Behörden könnten ihnen ihre kleine Tochter wegnehmen. So, wie es mit ihren beiden anderen Kindern schon geschehen ist.

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Seit dem 5. September 2013 ist die Welt der Hennigfelds und aller anderen Familien der Zwölf Stämme eine andere. An dem Tag umstellten Polizisten die Anwesen der Glaubensgemeinschaft in Klosterzimmern und Wörnitz im Kreis Ansbach und holten mit Mitarbeitern des Jugendamtes alle 40 Kinder der urchristlichen Sekte ab. Die jeweiligen Amtsgerichte hatten den Eltern zuvor das Sorgerecht vorläufig entzogen.

Es war, nach allem, was man weiß, die größte Aktion dieser Art, die es in der Bundesrepublik jemals gegeben hat. Seitdem hat sich vieles verändert. Und in manchen Punkten erstaunlich wenig. Immer noch leben viele der Kinder in staatlicher Obhut. Und immer noch laufen vor dem Familiengericht in Nördlingen die meisten Sorgerechtsverhandlungen, die klären sollen, ob die Kinder dauerhaft in Pflegefamilien oder Heimen bleiben. Oder ob sie zu ihren Eltern zurückkehren können.

Mitglieder der Zwölf Stämme machen Behörden Vorwürfe

Und nun dieser Hubschrauber. Vermutlich steckt nichts dahinter, aber er macht die Eltern der Zwölf Stämme nervös, die sich an diesem Tag in einer Stube in Klosterzimmern versammelt haben, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Um zu schildern, warum sie finden, dass ihnen Unrecht geschieht. Sie machen den Behörden viele Vorwürfe.

Da sind zum Beispiel David und Barbara Krumbacher, Eltern zweier Mädchen. Eines davon ist mittlerweile wieder in Klosterzimmern; es war schon 17, als die Polizisten es im September 2013 mitnahmen, heute ist es 18. Das andere Mädchen, elf Jahre alt, lebt noch in einem Heim. Die Familien der Zwölf Stämme, sagt Barbara Krumbacher, würden in den Verfahren von den Behörden nicht individuell betrachtet.

Stattdessen werde etwa angenommen, dass Aussagen, die Aussteiger über die Zwölf Stämme fällen, pauschal für alle Familien gelten. In den Sorgerechtsverhandlungen gehe es nicht gerecht zu, findet auch ihr Mann. Es würden Zeugen nicht geladen, die zu ihren Gunsten aussagen könnten, zudem dauere alles viel zu lange.

Es sind Vorwürfe, die sich so recht weder belegen noch widerlegen lassen. Die Verhandlungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, das ist in Familiensachen so üblich. Unstrittig ist allerdings, dass die Verfahren sehr lange dauern. Es ist ein Punkt, den auch das Oberlandesgericht in München kritisch sieht. Es hatte zuletzt in einem Beschluss formuliert, es sehe die Gefahr, dass „allein durch die Verfahrensdauer, die bereits mehr als eineinhalb Jahre beträgt“, Fakten geschaffen würden, die eine Rückführung eines Kindes zu den Eltern immer mehr erschweren.

Zwölf Stämme: In Klosterzimmer ist wenig wie noch vor zwei Jahren

Was die Fakten in Klosterzimmern angeht: Dort ist wenig so, wie es vor zwei Jahren war. Die Räume, in denen die Zwölf Stämme ihre Kinder unterrichteten, sind noch eingerichtet, aber eigentlich nutzlos. Ein Klassenzimmer dient als Lagerraum. 2013 lebten auf dem Gelände über 100 Menschen, heute sind es etwa 50. Die minderjährigen Kinder sind weg, dazu haben manche Mitglieder die Sekte verlassen. David Krumbacher spricht von „Völkermord“, der an der Glaubensgemeinschaft verübt werde, und er meint das vollkommen ernst. Die Eltern in der Gemeinschaft sind verzweifelt, und wenn sie ihre Situation schildern, sprechen sie laut, emotional und nicht immer überlegt. Doch rechtfertigt ihre Verzweiflung so einen Vergleich, so eine Wortwahl? Völkermord?

Es ist nicht das einzige Mal, dass Mitglieder der Zwölf Stämme in jüngster Zeit einen absurden Vergleich dieser Art gezogen haben. Vor drei Wochen, beim Stabenfest in Nördlingen, hielten jüngere Mitglieder der Sekte Schilder in die Höhe, auf denen Bilder zu sehen waren, mit denen das Vorgehen der deutschen Behörden mit der Politik der Nationalsozialisten verglichen wurde. Auch Helmut Beyschlag, der Leiter des Amtsgerichtes in Nördlingen, war auf diesen Schildern zu sehen. Beyschlag ist ein etablierter Lokalpolitiker, vor allem aber ein erfahrener Richter, der Prozesse mit lauter Stimme führt und Angeklagte auch mal zusammenfaltet, wenn er es für notwendig hält.

Die Polizei hat 28 Mädchen und Jungen aus der umstrittenen Sekte "12 Stämme" mitgenommen. Das Amtsgericht Nördlingen hatte vorläufig das Sorgerecht wegen Hinweisen auf Kindesmissbrauch entzogen. Etwa 100 Beamte waren im Einsatz

Doch unerschütterlich ist er nicht. Der Vergleich hat ihn getroffen. Er hat Strafanzeige gestellt. Den Vorwürfen der Zwölf Stämme widerspricht er vehement. Dass die zuständige Richterin etwa keine Zeugen zulassen würde, die zugunsten der Sekte aussagen: Das würde durch ständige Wiederholung nicht richtiger, sagt Beyschlag. Es gehe darum, ob Zeugen etwas Sachdienliches beitragen könnten. Das zu entscheiden, liege nun mal im Ermessen der Richterin.

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Ein Artikel von
Jan Kandzora

Augsburger Allgemeine
Ressort: Lokalnachrichten Augsburg

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