Montag, 26. Juni 2017

07. Oktober 2014 10:18 Uhr

Prozess in Nördlingen

Zwölf Stämme-Eltern: Züchtigung mit Ruten in Bibel vorgeschrieben

Im Sorgerechtsstreit um die minderjährigen Kinder der Sekte "Zwölf Stämme" hat die Hauptverhandlung begonnen. Dabei kamen die Eltern zu Wort. Von Ronald Hummel

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28 Kinder wurden aus den Häusern der Glaubensgemeinschaft in Klosterzimmern geholt und zum Jugendamt gebracht.

Am Dienstag begann am Familiengericht des Amtsgerichts Nördlingen das Hauptverfahren im Sorgerechtsstreit um die minderjährigen Kinder der Sekte „Zwölf Stämme“. Wie berichtet, waren bei einer Polizeiaktion am 5. September vergangenen Jahres alle 24 damals minderjährigen Kinder der Zwölf Stämme in Klosterzimmern abgeholt und durch das Jugendamt in Obhut genommen worden. Aufgrund der Praxis der Sekte, die Kinder mit Weidenruten zu schlagen, sahen die Behörden das Kindeswohl als gefährdet an.

Ein Kind wurde den Eltern wieder überstellt, da die Familie nur zum Urlaubsbesuch in Klosterzimmern war. Fünf Kinder durften zwischenzeitlich per Gerichtsbeschluss wieder zu ihren Eltern; sie sind mittlerweile volljährig beziehungsweise in einem Alter, in dem mit Rutenzüchtigungen nicht mehr zu rechnen ist. Zwei Kinder rissen im Frühjahr aus ihrem Heim aus und konnten bislang von der Polizei nicht gefunden werden. Man geht davon aus, dass sie bei einer Zwölf-Stämme-Gemeinde leben. 16 Kinder leben noch in Pflegefamilien oder Heimen.

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Gutachter soll klären, ob Eltern erziehungsfähig sind

In Nördlingen wird in diesen Tagen um das Sorgerecht der Eltern verhandelt, auch um das von bereits zurückgekehrten Kindern. In einem Teil dieser Fälle hatten die Eltern das Sorgerecht vorläufig zurück bekommen, in einem anderen Teil nur das Aufenthaltsbestimmungsrecht.

Am Dienstag wurden vor dem Nördlinger Familiengericht zwei Elternpaare angehört; sie haben ein beziehungsweise zwei Kinder. An drei weiteren Terminen im Oktober gibt es nochmals Anhörungen von acht Familien. Bei diesen ersten Gerichtsterminen werden die Kinder nicht anwesend sein, wohl aber ein Verfahrensbeistand der Kinder.

Auch ein Gutachter ist bei allen Anhörungen dabei. Er soll sich ein Bild machen, ob die Eltern erziehungsfähig sind. Bei den Anhörungen der Kinder in den letzten Monaten war der Gutachter noch nicht bestellt. Es ist bekannt, dass die Eltern dem Gutachten sehr kritisch gegenüber stehen und die Kooperation weitgehend verweigern. Dennoch bleibt der Auftrag des Gerichts bestehen, ein Gutachten zu erstellen. Laut Gerhard Schamann, stellvertretender Pressesprecher des Amtsgerichts Nördlingen, sei derzeit offen, wie das Gutachten umgesetzt wird. Andererseits stelle es keine ungewöhnliche Aufgabe für einen Sachverständigen dar, auch bei mangelnder Kooperation mit den Beteiligten zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen. Unter anderem hat der Gutachter vollständigen Einblick in die Gerichtsakten.

In der Bibel vorgeschrieben ...

Die Eltern und ihr Anwalt, Michael Langhans aus Donauwörth, argumentieren, dass nicht die Erziehungsfähigkeit der Eltern ausschlaggebend ist, sondern das Kindeswohl. Der Anwalt räumt ein, dass das Schlagen von Kindern zwar grundsätzlich rechtswidrig und strafrechtlich als Körperverletzung anzusehen sei, aber nicht in jedem Fall automatisch rechtfertige, die Kinder in behördliche Obhut zu nehmen. Anwalt und Eltern berufen sich nach wie vor auf das Recht der Religionsfreiheit - die Züchtigung mit Ruten sei in der Bibel vorgeschrieben.

In zwei Richtungen wird ermittelt

Mit der strafrechtlichen Verfolgung der Körperverletzung ist derweil die Augsburger Staatsanwaltschaft befasst; dieses Verfahren hat mit dem familienrechtlichen Verfahren um das Sorgerecht nichts zu tun. Generell wird in zwei Richtungen ermittelt: Erstens dienen die Filmaufnahmen als Grundlage, die ein TV-Reporter vor Ort machte und auf denen Zwölf-Stämme-Mitglieder zu erkennen sind, wie sie Kinder mit Ruten traktieren. Hier steht die Frage im Vordergrund, ob die unerlaubt gemachten Aufnahmen als Beweismaterial verwendet werden dürfen. Zweitens stützen sich die Ermittlungen auf Aussagen von Aussteigern, die Misshandlungen bezeugen können.

Oberstaatsanwalt und Pressesprecher Matthias Nickolai erklärte gegenüber den Rieser Nachrichten, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft seien derzeit noch nicht abgeschlossen.

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