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Außer Kontrolle: Atomkraftwerk Fukushima: Warnung vor Explosion

Außer Kontrolle

Atomkraftwerk Fukushima: Warnung vor Explosion

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    Eine Luftaufnahme des Unglücksreaktors Fukushima. (Archivbild) dpa
    Eine Luftaufnahme des Unglücksreaktors Fukushima. (Archivbild) dpa

    Die Betreiber der havarierten Nuklearanlage in Fukushima-Daiichi bekommen die Probleme nicht unter Kontrolle. Sie rätseln, mutmaßen und hoffen - was in den Reaktoren  aber wirklich passiert, wissen sie nicht. Das hat das Ergebnis einer  einzigen Reparatur im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi heute (Donnerstag) verdeutlicht. Es lässt erahnen, wie groß die Gefahr in  der Katastrophenanlage immer noch ist.

     Die Betreiberfirma Tepco hatte eine Messeinrichtung für den Kühlwasserstand im Druckbehälter von Block 1 repariert. Prompt wurde deutlich, dass alle Angaben der letzten Wochen zur  Wasserhöhe falsch waren: Wenn - was niemand weiß - noch intakte Brennstäbe existieren,  liegen sie vollkommen frei und sind damit ungekühlt. Teile der Brennstäbe seien auf  jeden Fall geschmolzen, die Schmelze lagere am Boden des Druckbehälters, so ein Tepco-Sprecher. Und: Es gebe ein  Leck im Druckbehälter. Anders sei der anhaltend niedrige Wasserstand nicht zu erklären, schließlich werden täglich 150 Tonnen Kühlwasser hineingepumpt.

    "Dieses Ergebnis zeigt, dass sich Tepco im totalen Blindflug befindet", sagt Mycle Schneider, international tätiger Berater für Energie und Atompolitik der Nachrichtenagentur dapd. "Für  die weiteren Maßnahmen in Fukushima bräuchte man viel mehr  Informationen. Angesichts der vielen offenen Fragen weiß man gar nicht, wo man anfangen soll." Doch Tepco muss handeln. Vergangene Woche hatte die Firma einen  Masterplan vorgelegt: Dazu gehörte, aus Reaktor 1 der Anlage eine Art "Wasser-Sarkophag" zu machen. Das Containment,  also die Hülle um den Reaktordruckbehälter, sollte zur Kühlung des Kerns komplett geflutet werden. Damit wäre der innerste, gefährlichste Teil der  Anlage komplett von Wasser umgeben. Binnen sechs bis neun Monaten,  so Tepco, könne die Anlage stillgelegt werden. Die Ankündigung legte den Eindruck nahe, dass die Gefahr an den Kernreaktoren weitgehend gebannt sei.

    Mögliche katastrophale Folgen des Flutens

    Seit heute (Donnerstag) ist klar: Tepco ist weit davon entfernt, die Situation zu beherrschen. Die Firma selbst kündigte nun an, den Plan zu "überarbeiten". Einige Experten hatten seit Tagen vor möglichen katastrophalen Folgen des geplanten Flutens gewarnt. "Wenn der Druckbehälter mit  dem Kernbrennstoff ein Leck hat, so wie Tepco es jetzt zugeben musste, ist die Gefahr groß, dass das radioaktive Schmelzmaterial  austritt", befürchtet beispielsweise der schottische Atomexperte Shaun Burnie. "Wenn dann eine Mischung aus diesem Material und dem  geschmolzenen Metall des Reaktordruckbehälters auf Wasser trifft, kann es zu einer Explosion kommen."

    Auch der britische Ingenieur John Large hält ein Fluten des Containments für besonders riskant. Er hat am Mittwoch eine  Kurzstudie vorgelegt, die er im Auftrag von Greenpeace erstellt hat ("Brief opinion on the Tepco plan to flood the primary containment  of unit 1, Fukushima-Daiichi"). Large sollte untersuchen, welche Auswirkungen ein Fluten des Containments auf den Reaktor hätte. Auch  er kommt zu dem Schluss, dass eine erhebliche Gefahr besteht. "Wenn es zu einer Explosion kommt, weil der Druckbehälter schmilzt, kann es Schockwellen  geben, die den Reaktor zerstören", sagte Large der Nachrichtenagentur dapd. Das wiederum würde eine erhebliche Menge an Radioaktivität freisetzen.

    Was aber ist die Alternative zum Fluten? Large schlägt vor, die bisherige Kühlung des Reaktorkerns beizubehalten, ohne das ihn  umgebende Containment mit Wasser zu füllen. Im Gegenteil. Er würde  das dort schon befindliche Wasser abpumpen, um die Explosionsgefahr zu mindern. Doch was, wenn sich das geschmolzene Material dann - mangels Kühlung - stark erhitzt und durch den Druckbehälter frisst? Was, wenn es dann auf den Stahlbeton des Containments trifft?  

    Anders ordnet Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), die Nachrichten aus Japan ein. Dass es ein Leck im Druckbehälter gebe, heiße nicht  zwangsläufig, dass bereits Kernschmelzmaterial aus dem Druckbehälter austrete, betonte er. Bisher vorliegende Daten etwa würden nicht auf einen Austritt  von Kernschmelze hindeuten. Die GRS-Experten vermuten ohnehin, dass sich das Leck an der Seite des Druckbehälters befindet - und das  gefährliche Nuklearmaterial deshalb bisher wohl nicht austreten konnte. Dann allerdings wäre ein Fluten derzeit ungefährlich.

    Damit die Schmelze auch in Zukunft nicht so heiß wird, dass sie den Druckbehälter zerstören kann, ist eine möglichst effektive Kühlung nötig. Deshalb könnte das Fluten des  Containments für GRS-Sprecher Dokter alternativlos sein. "Letztlich geht es hier um eine Abwägung. Die Chancen auf eine möglichst effektive Kühlung  dürften durch das Fluten steigen", betonte er. "Einmal durch die Kühlung des Druckbehälters von außen, aber auch, weil möglicherweise der Füllstand wieder steigt, sobald der Wasserspiegel außen über die Leckstelle steigt."

     In Fukushima gibt es weiter viele offene Fragen - und zwei Gewissheiten. Erstens: Die Daten, die Tepco veröffentlicht, haben  äußerst begrenzten Wert. Und zweitens: Entgegen allen anders lautenden Behauptungen sind die Reaktoren noch lange nicht unter Kontrolle.  dapd

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