Nur etwa jeder sechste Deutsche besitzt derzeit einen Organspenderausweis. Doch durch eine von Union und SPD geplante rechtliche Neuregelung könnten es künftig erheblich mehr werden. Das ergaben Umfragen der Bertelsmann Stiftung und der Krankenkasse Barmer GEK, die nun in Berlin vorgestellt wurden. Es bestehe die Chance, dass künftig mehr Menschen mit einer Organspende geholfen werden könne, sagte Christoph Straub, der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK. Der "unwürdige Zustand" würde gemildert, dass derzeit "jeden Tag drei Menschen sterben, die auf einer Warteliste für eine Organtransplantation stehen".
Aus den Ergebnissen der Umfragen lesen Straub und Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, jedoch auch ein großes Informationsdefizit in der Bevölkerung heraus.
"Massive Aufklärungskampagne" wünschenswert
Nach den repräsentativen Umfragen wollten 66 Prozent der Befragten "bestimmt oder wahrscheinlich" ihre Einwilligung zur Organspende geben, sobald die Neuregelung in Kraft ist. 36 Prozent fühlten sich dagegen nicht ausreichend informiert. "Hier ist ein ganz großes Potenzial", sagte Mohn. Straub kündigte an, dass die Barmer GEK ihre Versicherten besser informieren wolle. Aber auch die Politik sei gefordert: "Wir brauchen eine massive Aufklärungskampagne der Bundesregierung."
Im November hatten sich die Fraktionsspitzen der Union sowie der SPD auf eine gesetzliche Regelung geeinigt. Danach sollen etwa die Krankenkassen die Versicherten regelmäßig über die Organspende informieren und mit Nachdruck die Spendenbereitschaft abfragen. Zwang oder Sanktionsandrohungen dürfe es jedoch nicht geben. Im ersten Halbjahr 2012 soll die Regelung in einem Gesetz verabschiedet werden.
Straub sagte, Transplantationen seien heute "der Goldstandard" bei endgültigem Organversagen. Viele Organe ließen sich nicht durch Apparate ersetzen. Neue Organe seien häufig der einzige Weg, dem Tod zu entgehen.
Lange Wartezeit auf Spenderorgan soll berücksichtigt werden
In den Umfragen sprachen sich 85 Prozent dafür aus, Kranke mit einer langen Wartezeit auf ein Spenderorgan bei einer Transplantation vorzuziehen. 59 Prozent wollten, dass Jüngere bevorzugt behandelt werden. Fast genauso viele - 57 Prozent - wollen todkranke Menschen besonders berücksichtigen, auch wenn die Erfolgsaussichten gering sind. 53 Prozent der Befragten waren dafür, Menschen bei einer Transplantation zu benachteiligen, wenn ihr Organversagen auf Rauchen, Drogenkonsum oder Medikamentenmissbrauch zurückgeht.
Für die Umfragen des "Gesundheitsmonitors" der Bertelsmann Stiftung und der Barmer GEK wurden im April und Mai dieses Jahres 1778 Personen ab 14 Jahren befragt. Nachdem die geplante politische Regelung bekannt geworden war, wurden sie im November mit einer Telefonumfrage unter 1000 Personen ergänzt. dapd/dpa/AZ