Martin N. hat gestanden, drei Buben missbraucht und getötet zu haben. Ab Montag steht der mutmaßliche "Maskenmann" vor Gericht.


Unter dem Pseudonym „GerdX“ war er in der Pädophilenszene im Internet unterwegs. Am 31. Oktober 2010 tippte er nicht wie sonst nur einzelne Sätze in eines der einschlägigen Foren, dieses Mal dichtete Martin N. Goethes „Heideröslein“ um.
Er schrieb:
„Und der wilde GerdX brach’s Knäblein auf der Heiden;
Knäblein wehrte sich und starb,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.
Knäblein, Knäblein, Knäblein tot,
Knäblein auf der Heiden.“
Stefan J., Dennis R. und Dennis K. waren da bereits tot. Martin N. soll alle drei Buben entführt und erwürgt haben. Erst 19 Jahre nach dem ersten Mord gelang es der Polizei im April 2011, Martin N. zu fassen. Der 40-jährige Pädagoge hat alle drei Morde gestanden. Er gab auch zu, Dutzende weitere Buben in Zeltlagern, Landheimen und Häusern in Norddeutschland missbraucht zu haben. Von heute an muss er sich in Niedersachsen vor dem Landgericht Stade verantworten.
1992 hat N. nach Erkenntnis der Ermittler den 13-jährigen Stefan aus einem Internat im niedersächsischen Scheeßel entführt und ermordet. Den achtjährigen Dennis R. verschleppte er 1995 aus einem Zeltlager bei Schleswig und erwürgte ihn. 2001 entführte er aus einem Schullandheim nahe Bremerhaven den neunjährigen Dennis K. und tötete auch ihn.
Die Staatsanwaltschaft Stade hat N. wegen Mordes und wegen Missbrauchs in 20 Fällen angeklagt. Martin N. hat noch mehr als 20 weitere sexuelle Übergriffe eingeräumt, doch die Taten sind verjährt.
Die Mutter von Dennis K. wird heute als Nebenklägerin im Gerichtssaal sitzen. Auch die Eltern der beiden anderen toten Kinder und ein Missbrauchsopfer werden da sein. Dennis’ Mutter wolle dem Mörder ihres Kindes in die Augen sehen, sagt ihre Anwältin Monique Radtke: „Die Eltern möchten wissen, was damals geschehen ist.“
N. hat fast zwei Jahrzehnte lang unerkannt bleiben können, obwohl es mit jedem seiner Übergriffe einen weiteren Zeugen gab. Doch zu abenteuerlich klangen die Geschichten vom schwarzen Mann mit der Maske, der nachts an die Betten der Buben schlich, sie anfasste und wieder verschwand. Unvorstellbar war, dass dies in Schlafsälen geschah, in denen noch andere Kinder schliefen, oder in Kinderzimmern mit den Eltern gleich nebenan. Schlecht geträumt, dachten manche, wenn die Kinder sich ihnen offenbarten. Dabei war der Albtraum real.
Erst nach dem Mord an Dennis K. im Jahr 2001 wurde eine Sonderkommission gebildet und nach einem Zusammenhang zwischen den Morden und den Geschichten der Kinder gesucht. Da erst erkannten die Ermittler, dass sie einen pädophilen Serienmörder suchen. Doch bis zur Festnahme von Martin N. vergingen weitere zehn Jahre.
Im Februar 2011 sah ein Mann einen Fahndungsaufruf der Soko „Dennis“. Und er erinnerte sich an ein Erlebnis, das 16 Jahre zurücklag. Als Zehnjähriger hatte ihn ein Jugendbetreuer nach seinem Zuhause ausgefragt. Monate später stand der Mann mit der Maske an seinem Bett. Auch an den Namen des Betreuers erinnerte er sich: Martin.
Die Polizei stieß auf einen alten Bekannten: Martin N., Sozialpädagoge aus Bremen, der seit zehn Jahren in Hamburg lebte. 2004 wurde er wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt und musste 1.800 Euro zahlen. 2005 erpresste er einen Sozialarbeiter, weil er wusste, dass der Mann Kinderpornos besaß. Doch der Mann ging zur Polizei.
Die Staatsanwaltschaft Hamburg beschlagnahmte damals den Computer von Martin N. Darauf war eine Fotoserie gespeichert. Der „Maskenmann“ hatte 1999 in einem Schullandheim in Wulsbüttel einen Jungen missbraucht und fotografiert. Es ist das Landheim, aus dem zwei Jahre später Dennis K. entführt worden war, dessen Leiche später gefunden wurde. Martin N. hatte diese Fotos auf seinem Rechner. Entdeckt wurden sie all die Jahre nicht. Martin N. wurde damals wegen Erpressung verurteilt. Die Festplatte blieb in der Asservatenkammer in Hamburg. Erst im März 2011 wurden die Bilder gefunden. Martin N. wurde verhaftet.
Die Soko „Dennis“ arbeitet weiter. Es gibt noch zwei ungeklärte Kindermorde in den Niederlanden und in Frankreich, die den drei anderen Morden ähneln. Bei der Staatsanwaltschaft Stade hieß es: „Bislang sind ihm die Morde nicht nachzuweisen, und es ist fraglich, ob es jemals gelingt.“
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