Die Blumen am Denkmal sind verwelkt und die ewigen Lichter erloschen. Dazwischen liegt eine unbeholfene Kinderzeichnung. Ein Strichmännchen ist darauf zu sehen und ein Name: Susanne. Das Blatt steckt in einer Klarsichthülle, damit der Regen es nicht gleich zerstört und das Erinnern geschützt wird vor dem Verfall. Wenige Meter weiter beginnt der Karl-Lehr-Tunnel, in dem 21 Menschen ihr Leben verloren. Ein Jahr ist das her, und am Ort des Loveparade-Unglücks stemmen sich die Menschen verzweifelt gegen das Vergessen. Unter anderem ein Haufen beschrifteter Steine soll das Gedenken wachhalten. „Danke, dass meine Mama überlebt hat“ ist da zu lesen, oder „Das sollte so nicht sein“. Ein anderer hat nur vier Worte geschrieben, die den Verantwortlichen für die Loveparade lange nicht über die Lippen kamen: „Es tut mir leid.“
Vor allem einer steht trotz seiner Entschuldigung bei vielen Duisburgern in der Kritik: Oberbürgermeister Adolf Sauerland. „Dass er und andere sich der Verantwortung entziehen, macht mich traurig“, sagt Dirk Vennemann. Aber eigentlich meint er wütend, und das ist ihm anzusehen. Der 47-Jährige wollte mit seiner Frau am 24. Juli 2010 eine große friedliche Technoparty feiern wie Hunderttausende andere auch. Im Karl-Lehr-Tunnel, keine zehn Meter von der Unglücksstelle entfernt, blieb er in der aufgestauten Masse stecken. Mit den Armen versuchte er, seine Frau vor der nachschiebenden Menge zu schützen, beide balancierten auf Zehenspitzen, um atmen zu können. „Am nächsten Tag waren meine Arme blau angelaufen“, erzählt er.
Die beiden hatten Glück. Sie retteten sich durch den Tunnel aufs Gelände. Zwei Tage später brach Vennemann bei der Arbeit zusammen. „Erst da habe ich auf einen Schlag alles realisiert.“
Sechs Wochen war er krank und arbeitete sich danach mit psychologischer Unterstützung an seinem Trauma ab. Gegen Sauerland, den damaligen Ordnungsdezernenten Wolfgang Rabe und den Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller erstattete er Anzeige. Wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung. Nichts habe er seitdem davon gehört, sagt er verbittert und starrt auf den Bauzaun, der die Kreuze, Steine und Plakate schützt.
Was das soll?, fragt Vennemann, jetzt zorniger. Ob jemand ernsthaft glaube, dass hier etwas gestohlen werde? Lächerlich sei das. Es ist das erste Mal seit einem Jahr, dass er zurückkehrt an den Ort der Katastrophe. Mit einer Ausnahme. „Direkt danach haben wir einen Strauß mit 20 Sonnenblumen dort abgelegt. Als das 21. Opfer drei Tage später starb, musste ich noch eine einzelne Sonnenblume dazulegen.“
Beinahe jeder Duisburger, so scheint es, verbindet mit der Loveparade eine persönliche Geschichte. Zumindest aber hat er eine dezidierte Meinung. Heike Bomermann betreibt an der Ecke Neudorfer/Karl-Lehr-Straße den Friseursalon „Alles schön“ – fast trotzig behauptet sich der Name gegen den Schrecken. Die Raver zogen direkt an dem Laden vorbei. Als Heike Bomermann hörte, dass es nur einen Ein- und Ausgang zum Partygelände gibt und alles gesperrt wird, hatte sie gleich Bedenken. Für sie war das so, als würde man Tiere in einen Käfig schicken. „Ich bin mit meinen Kindern vorsichtshalber das Wochenende weggefahren“, sagt sie. Nach Holland, damit sie auch tatsächlich mitkommen. Ihre Auszubildende verlor an dem verhängnisvollen Samstag eine Freundin. Und litt noch Wochen später daran. „Wenn der Laden voll war, bekam sie Schweißausbrüche und Weinkrämpfe. Das wird so ein Mädchen doch nie mehr los.“
Heike Bomermanns Tochter Fam kann das nachempfinden. Die 19-Jährige fährt jeden Tag zur Schule durch den Karl-Lehr-Tunnel. „Dabei wird mir jedes Mal schlecht“, sagt sie. Und betont, dass man diese Party durchaus hätte feiern können – wenn nicht so viele Menschen so vieles falsch gemacht hätten. Dinge, die man vorher hätte sehen müssen. Dass sich alle durch den engen Tunnel aufs Gelände quetschen mussten; dass die Ordner den Ravern vor dem Tunnel die Getränke abnahmen; dass der Weg vom Bahnhof zur Party zu lang war. „Die Probleme wären einem Kind aufgefallen – aber versagt hat eine ganze Reihe von Erwachsenen.“ Deshalb könne man auch nicht einem Einzigen die Schuld geben.
Überhaupt, die Frage nach Schuld und Verantwortung. Sie bewegt die Duisburger, und sie spaltet sie auch. Friedhelm Bühnen ist mit seinem Fahrrad zum Mahnmal gefahren, um es mit eigenen Augen zu sehen. Er sagt, dass er Sauerland lange in Schutz genommen hat. „Als er seine Abwesenheit bei der Einweihung des Mahnmals aber damit erklärte, sich nicht klonen zu können, habe ich den Antrag zu seiner Abwahl unterschrieben. Und ich musste mich anstellen, um meine Unterschrift zu leisten.“
Rund 30 000 Duisburger haben die Initiative zur Abwahl Adolf Sauerlands bisher unterschrieben. Die öffentliche Entschuldigung des OB ändert nichts an der Aktion. Er habe sie ohnehin zu spät ausgesprochen, sagen viele, und ein Rücktritt sei die einzig richtige Konsequenz. Bis Oktober müssen 55 000 Unterschriften zusammenkommen. Gelingt das, wird ähnlich wie bei einer Kommunalwahl über Sauerlands Zukunft abgestimmt.
Auf dem Renault Twingo von Marek Kowynia klebt ein Smiley. Beim Thema Loveparade ist dem 32-Jährigen, der direkt an der Neudorfer Straße wohnt, jedoch nicht zum Lächeln zumute. Auf die Frage nach der Verantwortlichkeit findet er einen simplen Vergleich. In der Fußball-Bundesliga müsse der Trainer doch auch gehen, wenn die Mannschaft schlecht spiele. Und bei der Loveparade sei das Team im Rathaus vollkommen überfordert gewesen. „Ich habe schon einen Monat vorher gesagt, dass ich da nicht hingehe. Die Planung war ein Unding, alles abzuschotten, keine offenen Räume zu schaffen.“ Aber Kowynia glaubt nicht daran, dass jemals jemand dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Das verlaufe sich im Sand, wie so oft.
Olivia Bergmann teilt diese Einschätzung. Sie arbeitet im Costas-Grill, einem Imbiss an der Neudorfer Straße. Nur die Erwähnung der Loveparade verursacht bei ihr Gänsehaut. Denn am Tag des Unglücks strömten die Raver, die vom Tunnel aus den Rückweg antreten mussten und nicht wussten, was passiert war, in den Grill, um dort die Fernsehnachrichten zu sehen. „Viele haben geweint, manche geschrien“, erinnert sich die 43-Jährige. „Es war furchtbar.“ Schuld? Verantwortung? „Es ist doch immer dasselbe“, fasst es Fam Bomermanns Freundin Celina Giebels zusammen. „Jeder möchte irgendjemand anders verantwortlich machen – und am Ende kommt nichts dabei heraus.“
Manche Duisburger wollen – vielleicht gerade deshalb – nichts mehr hören von der Loveparade. Das Unglück am liebsten zu den Akten legen. Iris Kunert arbeitet in der Kneipe „Lösch-Meile“, direkt gegenüber vom Bahnhof, und löst hinterm Tresen Kreuzworträtsel. Bei der Loveparade hat sie Biere gezapft, der Laden war voll bis spät in die Nacht. „Was willste machen?“, sagt sie, „Unglücke passieren überall.“ Ganz so fatalistisch sieht es Jessica Korthäuser nicht. Sie schaut von ihrem Büro auf die Neudorfer Straße. Auch sie findet es schlimm, was da passiert ist. „Aber es beschäftigt mich nicht sonderlich. Man weiß doch sowieso nicht, was man glauben kann und was nicht.“
Auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände soll ein großer Möbelmarkt entstehen. Die Bagger sind schon da. Sie stehen direkt gegenüber der Unglücksstelle, den Kreuzen, den Blumen und dem Steinhaufen der Erinnerung. Lange war unklar, ob der Katastrophenort zugeschüttet wird. Mittlerweile hat der Stadtrat entschieden, dass er als Gedenkstätte erhalten bleiben soll. Man sucht jetzt eine einvernehmliche Lösung mit den Hinterbliebenen.
Dirk Vennemann schüttelt den Kopf. Er kann dieses Hin und Her nicht begreifen. Am Eingang des Karl-Lehr-Tunnels wirbt ein Plakat für die Luftrettung eines Automobilclubs. „Notfall im Ausland? Sicher nach Hause!“ steht da.
Das Unglück auf der Duisburger Loveparade ist und bleibt wohl ewig unbegreiflich.