Startseite
Icon Pfeil nach unten
Panorama
Icon Pfeil nach unten

Amanda Knox: Für den "Engel mit den Eisaugen" geht es heute um alles

Amanda Knox

Für den "Engel mit den Eisaugen" geht es heute um alles

  • |
  • |
  • |
    Amanda Knox wurde als "Engel mit den Eisaugen" bekannt. Sie soll Meredith Kercher ermordet haben.
    Amanda Knox wurde als "Engel mit den Eisaugen" bekannt. Sie soll Meredith Kercher ermordet haben. Foto: dpa

    Michael McGinn möchte jetzt noch nichts sagen. Er lebt auf der anderen Seite des Atlantiks im Nordwesten der USA. Als es passierte, in jener Nacht zum 2. November 2007, war er noch gar nicht im Amt. Aber heute ist er der erste Bürger der Stadt, in der Amanda Knox gerne schon wieder wäre. Der Stadt ihres alten Lebens, das längst schon vorbei ist. Michael McGinn ist der Bürgermeister von Seattle. Seattle ist die Partnerstadt von Perugia. In Perugia wurde Meredith Kercher ermordet.

    Heute soll zum zweiten Mal ein Urteil darüber fallen, wer die Schuld an ihrem grausamen Tod trägt. Amanda Knox und Raffaele Sollecito? In Seattle gibt es Amanda-Knox-Fan- Klubs. Es ist längst nicht mehr nur Michael McGinn, der nichts sagen möchte, keine Fragen beantworten möchte, nicht zu Perugia, nicht zu Amanda Knox, nicht zum Fall, nicht zur italienischen Justiz. Und Schweigen ist ja auch nicht das Schlechteste, was man tun kann. Denn es ist schon genug spekuliert worden darüber, wie es gewesen sein könnte – von berufener und unberufener Seite.

    Am 2. November 2007 wurde Meredith Kercher in der Via della Pergola, einem kleinen Häuschen mit Talblick, ganz nahe der Ausländeruniversität gefunden. Die englische Austauschstudentin lebte dort neben der amerikanischen Austauschstudentin Amanda Knox. Zwei schöne junge Frauen fern von zu Hause in der alten umbrischen Universitätsstadt mit Tausenden anderen Studenten.

    Meredith Kercher wurde 21 Jahre alt. Als man sie fand, war sie vergewaltigt worden, ihre Kehle war durchschnitten, der oder die Täter hatten auch auf ihren ganzen Körper eingestochen. Amanda Knox, heute 24 Jahre alt, und ihr damaliger Freund, der inzwischen 27-jährige Raffaele Sollecito aus Apulien, sollen sie so zugerichtet haben. Es gab Drogen in jener Nacht, es gab Sex und es gab diesen schrecklichen Mord.

    Amanda Knox und Sollecito sind vor zwei Jahren in erster Instanz bereits verurteilt worden. Sie bekam 26 Jahre Haft, er 25 Jahre. Beide bestreiten die Tat. Ein Dritter, der aus Afrika stammende Dealer Rudy Guede, bekam nach einem Berufungsprozess 16 Jahre Haft. Aber um seine Schuld geht es in diesem nun zu Ende gehenden Prozess nicht. Seine DNA wurde in der Vagina des Opfers gefunden. Es geht um Knox und Sollecito und was an diesem Tag vor vier Jahren in dem kleinen Häuschen mit Talblick in der Villa della Pergola tatsächlich vor sich ging.

    Wie oft diese Wohnung wohl durchsucht worden ist? Es soll bei der Spurensicherung Probleme gegeben haben. Die italienischen Zeitungen waren voll von diesen Nachrichten. Der erste Schuldspruch des Geschworenengerichts hatte sich vor allem auf die vermeintlichen DNA-Spuren von Meredith Kercher und Amanda Knox auf der mutmaßlichen Tatwaffe, einem Messer, gestützt. Auch auf die DNA-Spuren von Sollecito auf dem BH-Verschluss des Opfers. Ein von der Verteidigung in Auftrag gegebenes unabhängiges Gutachten, erstellt von Rechtsmedizinern der römischen Universität Sapienza, hat diese DNA-Spuren in Frage gestellt. So sollen die Handschuhe verunreinigt gewesen sein, mit denen die Ermittler gearbeitet haben. Auch die DNA auf dem BH des Opfers könne nicht eindeutig Sollecito zugeordnet werden. Die Staatsanwaltschaft hat diese Vorwürfe zurückgewiesen.

    Bei den Ermittlungen gegen Amanda Knox wurden wohl auch Fehler gemacht

    Die möglichen Fehler der Polizei haben diesen Fall, in dem sich die Staatsanwaltschaft vor allem auf Indizien stützen musste, noch komplizierter gemacht. War es so, dass Amanda und Raffaele an dem Abend ausgingen, in der Stadt auf den Dealer Rudy Guede trafen, sich betranken, kifften, ins Haus zurückkehrten, sie in Amandas Zimmer gingen, dort Sex hatten, während sich Guede an Meredith Kercher vergriff, die schrie und sich weigerte? War es so, dass dann Amanda und Raffaele dazukamen, Meredith ebenfalls bedrängten, dass Raffaele ihr mit einem Messer den Büstenhalter durchtrennte, sie mit dem Messer verletzte und Amanda ihr in den Hals stach?

    Sowohl Amanda als auch Raffaele haben kein Alibi, widerriefen ihre Aussagen und verstrickten sich bei den Vernehmungen in Widersprüche. Aber sind die beiden Mörder? Ist sie der „Engel mit den Eisaugen“? Paolo Poggio weiß auch nicht mehr genau, welcher seiner Kollegen Amanda Knox zum ersten Mal so bezeichnet hat. Paolo Poggi ist ein italienischer Radio-Journalist, der als Gerichtsreporter für die RAI arbeitet. Er hat diesen Prozess von Anfang an begleitet. Er war am Tatort, als die Leiche von Meredith geborgen wurde. Die Geschichte des Prozesses ist nicht zu erzählen, ohne die reißerische Berichterstattung darüber zu erwähnen. In ihrem Schlussplädoyer hat Amanda Knox’ Verteidigerin, Dalla Vedova, den Medien vorgeworfen, ihre Mandantin „gekreuzigt“ zu haben.

    Barbesitzer Lumumba nennt die Angeklagte eine „Teufelin“

    Der Tonfall wird immer schriller. Ein Beispiel: Der Verteidiger des Barbesitzers Patrick Lumumba, bei dem Amanda manchmal gearbeitet hatte, sah in ihr am Donnerstag vor Gericht eine „Teufelin“. Lumumba war von Amanda Knox zu Beginn des ersten Prozesses des Mordes an Meredith Kercher beschuldigt worden. Er kam schnell wieder frei. Das ist nur eine der vielen Wendungen dieses komplizierten Prozesses.

    Gerichtsreporter Poggio hat seine Meinung über Amanda Knox mehrmals geändert. „Am Anfang war ich von ihrer Schuld überzeugt. Sie wurde als Femme fatale dargestellt. Ich kann nicht sagen, ob sie schuldig ist oder nicht. Natürlich kann ich das nicht. Aber einen Beweis ihrer Schuld habe ich während dieser Prozessjahre nicht gesehen.“ So wie er sie wahrgenommen habe während all dieser Prozesstage sei sie ein „zerbrechliches Mädchen“. Sie habe mit ihrem widerrufenen Bekenntnis, mit dem sie den unschuldigen Barbesitzer Lumumba bezichtigte, einen schweren Fehler gemacht.

    Raffaele Sollecito, Amandas damaligen Freund, beschreibt er als eine „unsichere Persönlichkeit“. Auch Poggio sagt, dass die italienische Polizei sicherlich Fehler gemacht habe. Und die Journalisten? „Ich sage nicht, ob es gut war oder schlecht. Ich sage, es ist nicht leicht, über diesen Prozess zu berichten.“

    Heute schon könnte er enden. Die Urteilsverkündung soll live im Fernsehen übertragen werden. Die Staatsanwaltschaft hat sowohl für Knox als auch für Sollecito lebenslänglich gefordert.

    Auch die Anwälte der Familie von Meredith Kercher haben eine erneute Verurteilung gefordert. Die Verteidiger von Knox und Sollecito plädieren für einen Freispruch. Die Familien der beiden mutmaßlichen Täter sind ohnehin von deren Unschuld überzeugt. Poggio glaubt an einen „Freispruch aus Mangel an Beweisen“.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden