Mittwoch, 19. Juni 2013

30. April 2012 15:48 Uhr

Käfer-Invasion

Im Südwesten Deutschlands droht eine Maikäfer-Plage

Dieses Jahr sind besonders viele Maikäfer geschlüpft. Sie fressen, was ihnen in die Quere kommt. Selbst Naturschützer haben keine Einwände, den Käfern mit Gift zu Leibe zu rücken.

Heuer gibt es im Südwesten Deutschlands besonders viele Maikäfer. Die Insekten sollen vom Hubschrauber aus bekämpft werden.
Foto: Patrick Seeger dpa

Der badische Wein ist in Gefahr, denn dieses Jahr sind besonders viele Maikäfer geschlüpft. Und weil sie heuer sogar ein Jahr schneller waren mit dem Schlüpfen als sonst, fürchten Forscher in den kommenden Jahren eine Bedrohung für viele Pflanzenarten. Denn die Maikäfer fessen nicht nur die Wurzeln der badischen Rebstöcke.

«Von der Sonne verwöhnt» lautet der  Werbeslogan für den Badischen Wein. Besonders am Kaiserstuhl  scheint die Sonne prächtig und lässt die Weinstöcke für gehaltvolle  Burgundersorten gedeihen. Doch daran labt sich auch ein  unsichtbarer Feind: Die Engerlinge des Feldmaikäfers. «Ein bis zwei  Engerlinge pro Quadratmeter reichen schon aus, um schlimme  Wurzelschäden anzurichten», sagt Michael Glas vom  Pflanzenschutzdienst Baden-Württemberg. Weil die Käfer derzeit massenhaft schlüpfen, bekämpft sie der Experte per Hubschrauber aus der Luft: mit einem umweltverträglichen Öko-Gift. Am Mittwoch ist der erste Einsatz geplant.

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Maikäfer: Heuer schlüpfen sie ein Jahr früher

Feldmaikäfer gab es schon immer entlang des Oberrheins. Aus ihren  Eiern, die sie an Reben und Obstbäumen ablegen, entwickeln sich  zunächst Engerlinge. Diese im Erdreich lebenden weißen Larven  fressen zunächst drei Jahre lang Wurzeln. Danach verwandeln sie  sich in Käfer und schwärmen zur Fortpflanzung aus. Dieser Zyklus führt alle drei Jahre zu einem besonders starken Käferschlupf. Wie in diesem Mai am Kaiserstuhl: In dichten Trauben hängen die  schwerfälligen Brummer in den Bäumen am Waldrand, sie kriechen  unter die Blätter, wenn es regnet, und sammeln sich an warmen  Abenden zur Paarung in den Baumkronen.

Nun will Pflanzenschützer Glas diesem Treiben ein Ende machen. Auf  einer Fläche von 4000 Hektar soll das Insektizid Neemazal T/S per  Hubschrauber versprüht werden. Nach Angaben des zuständigen  Regierungspräsidiums ist das Fraßgift vergleichsweise  umweltverträglich und auch im ökologischen Landbau zugelassen. Von  dem Mittel, das aus den Früchten des indischen Neem-Baumes  hergestellt wird, bekommen Maikäfer Magengrimmen: Sie fressen nicht  mehr und werden dann auch zu träge zur Paarung.

Selbst Umweltschützer haben keine Einwände gegen Gift

Für Maikäfer fressende Fledermäuse ist das Gift dagegen unschädlich. Und weil selbst Schmetterlinge - wie die auf der Roten  Liste der gefährdeten Arten stehende Spanische Flagge - kaum an dem  Gift leiden, haben auch Umweltschützer keine schwerwiegenden  Einwände gegen den Einsatz.

Bei Probegrabungen in der sonnenreichsten und wärmsten Region der  Republik zeigten sich für dieses Jahr alarmierende Befunde: Wegen  des besonders warmen Herbstes 2011 sind viele fette Engerlinge  anscheinend schon nach zwei statt drei Jahren fertig entwickelt.  Käferbekämpfer aus der gesamten Republik schauen deshalb mit Sorge  an den Hochrhein. Falls sich dort der Reproduktionszyklus der  braunen Brummer um ein Jahr verkürzt, könnte das bei einer  anhaltenden Klimaerwärmung auch andernorts der Fall sein.

Vor allem für die Rheinwälder von Mannheim bis Frankfurt und  andere Regionen Hessens wäre das eine Katastrophe. Dort ist der  Waldmaikäfer längst zu einer ernsten Bedrohung geworden: Im Jahr  2010 war bereits eine Fläche von 20.000 Fußballfeldern gefährdet,  bei Probegrabungen fanden sich bis zu 176 Engerlinge je  Quadratmeter. Die hatten einen erstaunlichen Appetit: Selbst acht  Meter hohe Bäume konnten einfach so aus dem Boden gezogen werden,  da sie keine Wurzeln mehr hatten.

Maikäfer-Invasion: Das schwache Gift wirkt im Wald nicht

»2013 wird hier wieder ein starkes Käferjahr», sagt der  hessische Waldschutzexperte Horst Marohn. Weil das milde Neem-Gift  direkt in den Wäldern nicht wirkt, müsste das umstrittene  Insektengift Dimethoat versprüht werden, das auch Schmetterlinge  und Fledermäuse bedroht.

Eine mühsame, aber ökologisch korrekte Methode ist aus früheren  Zeiten überliefert. Kinder bekamen im Mai schulfrei und sammelten  Krabbeltierchen mit der Hand. Mit Erfolg: So berichtet etwa die  Gemeindechronik von Ermsleben in Sachsen-Anhalt, dass 1937 fast  eine halbe Tonne Maikäfer abgeliefert wurde, bei einer Prämie von  umgerechnet vier Cent pro Kilogramm. Die Kinder von heute würden  das sicherlich auch tun: Auch bei ihnen haben Maikäfer einen  gefestigt guten Ruf. Ihre Füßchen kitzeln angenehm auf der Haut.  Außerdem lassen sich die ungelenken Brummer auch gut in  Schuhschachteln halten und mit nach Hause nehmen. afp

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