(sam). Es macht stark und euphorisch, es verdrängt Ängste und lässt Grenzen schwinden: Immer mehr Jugendliche bringen sich mit dem Schmerzmittel Tilidin in Stimmung, bevor sie Läden ausrauben oder Leute verprügeln, schreibt Spiegel Online.
Bei Festnahmen durch die Polizei wehrt sich ein Konsument "wie ein Berserker - er tritt, beißt, spuckt und reagiert nicht mal auf Pfefferspray", sagt der Berliner Hauptkommisar Andreas Wolter. Wer auf "Amokdroge" ( Berliner Kurier) ist, den hält fast nichts in Schach. Im schlimmsten Fall müssen Polizisten laut Spiegel Online dem Täter den Arm auskugeln oder sogar brechen. "Die Konsumenten entwickeln eine Art Größenwahn, fühlen sich vollkommen überlegen", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter des Berliner Drogenkommissariats.
Vor allem türkisch- und arabischstämmige Jugendlichen nehmen das in der Krebs- und Rheumatherapie eingesetzte Medikament, da es für die gläubigen Muslime im Gegensatz zu Heroin, Cannabis oder Alkohol nicht verboten ist. Dennoch ist das Mittel ein Opiat. In einigen Jugendgruppen erfreut sich Tilidin besonderer Beliebtheit, weil es gegen Schmerzen "immun" macht. Insbesondere bei körperlichen Auseinandersetzungen wird es gern vorher genommen.
Auf drogenwiki.de schildert ein Jugendlicher anonym seine erste Erfahrung mit dem schmerzhemmenden Stoff. "Die Wirkung des Cannabis trat immer mehr in den Hintergrund, denn die Wirkung des Tilidins ist doch schon um einiges stärker. Die Euphorie wurde immer intensiver, es kribbelte im Bauch - so stark war sie. ... Ich wollte mich gleich ins Bett legen und Fernsehen, da ich durch eine Tramadolerfahrung [Tramadol ist ebenfalls ein Schmerzmittel, Anm. d. Red.] schon wusste, dass opioid-high plus Fernsehen extrem geil kommt. ...Am nächsten Tag wachte ich sehr erholt auf und auch die Schule war recht stressfrei. Also eine Art Kater oder Hangover war nicht zu spüren."
Nach den ersten Kicks mit Tilidin ensteht bei Jugendlichen schnell der Eindruck, dass der Alltag leichter zu bewältigen ist. Aber Dauerkonsum macht abhängig und die anfänglichen Glücksgefühle verkehren sich ins Gegenteil: Tilidin beeinträchtigt nicht nur das Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen, sondern kann zu Schlafstörungen und Depressionen führen. Es vermindert den Appetit, führt zu Gewichtsverlust und Muskelabbau. Es folgen Anfälle mit Zittern und Muskelkrämpfen.
Nicht bei jedem Konsumenten ruft Tilidin die gleiche Wirkung hervor. "Wenn jemand keine Schmerzen hat und Tilidin schluckt, nimmt mit Sicherheit die Verkehrsfähigkeit und Geschicklichkeit ab", sagt Günther Sprotte, Schmerzforscher den Universität Würzburg auf Spiegel Online. Wer jedoch Schmerzen oder Entzugssymptome habe, werde wacher und konzentrationsfähiger. Manche Experten vermuten, dass Tilidin ähnlich wie Alkohol eine bereits vorhandene Grundstimmung verstärken kann.
Dennoch gibt der Verein der Straßensozialarbeit
Berlin
auf seiner Homepage
gateway.de
Entwarnung: "Der
Missbrauch
von Tilidin ist zwar zunehmend, aber die Situation sollte keineswegs dramatisiert werden. Von einem weit verbreiteten Phänomen unter jungen Menschen kann man nicht sprechen. In einigen Regionen in
Berlin
ist der
Missbrauch
allerdings auf dem Vormarsch."