Berlin - Geld ist nicht mehr sexy. Vorbei die Zeiten des Blingbling, der edelsteinbesetzten Limousinen und Shopping-Trips im Privathubschrauber. Kaum vorstellbar, dass noch im vergangenen Herbst in München eine Millionärsmesse stattfand.
Schuld an der Entzauberung des Mammons haben ausgerechnet die Banker. Die Summen, die sie mit irrwitzigen Wetten am Computer verbrannt haben, sind mit dem Verstand nicht mehr zu fassen.
Geld wurde so zum Symbol der entfesselten Gier und des Drangs nach immer mehr für immer weniger. Dieses Wertesystem ist nicht mehr salonfähig. Damit kehrt auch das Geld wieder zu dem zurück, was es ursprünglich war: ein künstliches Schmiermittel, das den Austausch von Waren und Dienstleistungen unabhängiger macht von Raum und Zeit. Ein Zwischenspeicher für den Wert einer eingetauschten Ware und eine Gutschrift für den Rücktausch in andere Dinge.
Das ist ungefähr so sexy wie ein Stück trockenes Schwarzbrot. Wenn Geld so schrecklich langweilig ist, warum dann nicht gleich ganz darauf verzichten?
Wie das aussehen kann, probt eine Reihe junger Hausbesetzer im Osten von Berlin. Ihre Trutzburg gegen die Macht des Geldes ist ein baureifer Altbau in der Brunnenstraße im Bezirk Mitte.
Aus den Fenstern der Obergeschosse des Hauses mit der Nummer 183 hängen bunte Fahnen und Transparente mit trotzigen Durchhalteparolen. Vor dem Haus sitzen einige der Bewohner auf abgerissenen Sesseln auf dem Gehsteig. Mit mürrischem Blick, aber schweigend begrüßen sie jeden, der durch die giftgrüne Tür ins Innere des Hauses tritt.
Dort riecht es nach alten Sportklamotten und Mottenkugeln. Die Augen haben Mühe, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Der erste Anker, der sich ihrem suchenden Blick bietet, ist ein weißes Blatt Papier an der dunkelbraun gestrichenen Wand: "Nimm nur das mit, was du wirklich brauchst", mahnt von dort eine schwarze Schrift. Sonst ist niemand in dem engen Raum.
Das Konzept des einzigen Umsonst-Ladens in Berlin ist simpel. Wer etwas hat, das er nicht mehr braucht, bringt es vorbei. Wer etwas braucht, das er nicht hat, darf es mitnehmen. Einfach so, ohne dafür zu bezahlen, auch wenn er nichts dafür mitbringt. Das klingt toll und sehr sozial. Einziger Nachteil: Auch in Berlin gibt es kaum Menschen, die neue Klamotten, Bücher oder iPods nicht mehr brauchen. Dafür offensichtlich sehr viele, die sich schmerzlos von alten Computerbildschirmen, vergilbten Büchern und muffigen T-Shirts trennen können.
Doch die Zukunft des Ladens steht nicht nur wegen des begrenzten Warenangebots auf der Kippe: Der Besitzer des Hauses hält offenbar nicht viel vom Leben ohne Geld. Er will die Hausbesetzer samt ihrer Tauschbörse loswerden und durch reguläre Mieter ersetzen. Wegen eines laufenden Verfahrens hat keiner der Bewohner vor dem Laden Lust, mehr über ihre ungewöhnliche Geschäftsidee zu erzählen.
Weniger konsequent auf das Prinzip des Tauschhandels ausgerichtet, dafür ungleich erfolgreicher ist eine andere Idee, die es schon vor Jahren von Berlin bis nach Nürnberg schaffte. Im Jahr 2002 eröffnete an der Pegnitz die erste Weinerei, angelehnt an ähnliche Lokale in der Hauptstadt.
Die Gäste dort zahlen für alles, was sie trinken und essen, keinen festen Preis, sondern nur einen freiwilligen Obulus. Am Nürnberger Prinzregentenufer, mitten in der Innenstadt, funktioniert das Konzept ähnlich. Dort gibt es zwar nichts zu essen, dafür aber regelmäßig Lesungen, Konzerte und Ausstellungen. Der Ort will mehr offenes Wohnzimmer sein als Kneipe.
Auf das Geld der Besucher können die Veranstalter nicht verzichten: Die "Gesellschaft zur Förderung von Kunst und Kultur in Europa" muss ganz regulär Miete bezahlen. Trotzdem ist der Eintritt zu allen Veranstaltungen frei. Jeder Besucher muss sich am Eingang lediglich für einen Euro ein Weinglas mieten.
Im Inneren dann die nächste Überraschung. Es gibt keine Bedienung, die um die Gäste schwirrt und die Bestellungen aufnimmt. Dafür stehen auf einem Tresen mehrere offene Flaschen Wein, zur freien Verfügung der Besucher. Preisschilder sind nirgends zu sehen. Beim Verlassen des Lokals werfen die Gäste bereitwillig Scheine und Münzen in ein großes Glas.
Geld verdient man so nicht, aber darum geht es ja nicht. Für den Verein bleibt so viel hängen, dass er noch in die Räume investieren kann. Das Tauschmittel ist auswechselbar, die Besucher würden wohl auch mit Murmeln bezahlen. Einfach, weil sie die Weinerei so toll finden. Es ist die Atmosphäre, die sie lockt - und die lässt sich mit Geld nicht kaufen.