Startseite
Icon Pfeil nach unten
Panorama
Icon Pfeil nach unten

Kriminalität: Letzter Akt im Jackson-Thriller: Arzt schuldig gesprochen

Kriminalität

Letzter Akt im Jackson-Thriller: Arzt schuldig gesprochen

  • |
  • |
  • |
    Conrad Murray wartet auf das Urteil. Foto: Kevork Djansezian dpa
    Conrad Murray wartet auf das Urteil. Foto: Kevork Djansezian dpa

    Vor zweieinhalb Jahren hielt die Welt den Atem an: Es war der 25. Juni 2009, in Deutschland kurz vor Mitternacht, als Ärzte Michael Jackson für tot erklärten. Jetzt hat die Familie des "King of Pop" nach langem Warten einen Schuldigen. Als am Montag das Urteil verlesen wurde, waren Jacksons Eltern Katherine und Joe sowie mehrere Geschwister des Sängers dabei. Hunderte Fans brachen vor dem Gerichtsgebäude in Los Angeles in Jubel aus.

    Der Prozess um Michael Jacksons Tod

    Michael Jackson starb im Juni 2009. Von Ende September bis Anfang November 2011 stand sein Leibarzt vor Gericht.

    25. Juni 2009: Michael Jackson (50) stirbt an einer Vergiftung mit dem Narkosemittel Propofol. In den Mittelpunkt der Ermittlungen rückt Jacksons Privatarzt Conrad Murray, der ihm das Mittel möglicherweise gespritzt hat.

    4. September 2009: Jackson wird auf einem Prominentenfriedhof bei Los Angeles beerdigt.

    4. Januar 2011: Vor Gericht beginnt Murrays Anhörung. Zeugen sagen gegen ihn aus. Bald darauf wird er angeklagt.

    27. September 2011: Der Prozess gegen Murray beginnt in Los Angeles. Die Anklage wirft ihm «grobe Fahrlässigkeit» vor, die Verteidigung weist Jackson selbst die Schuld zu.

    3. Oktober 2011: Die Notärztin, die Jackson für tot erklären ließ, erhebt schwere Vorwürfe gegen den Leibarzt. Er habe ihr verschwiegen, dass er ein Narkosemittel verabreicht hatte.

    6. Oktober 2011: Eine Ermittlerin räumt vor Gericht Fehler bei der Spurensicherung ein.

    12. Oktober 2011: Ein Kardiologe wirft Murray vor, er habe seine ärztlichen Pflichten grob vernachlässigt. So habe er den Notarzt zu spät alarmiert. Zudem habe er die Wiederbelebungsversuche verpatzt.

    28. Oktober: Ein Facharzt erklärt, der Popstar habe sich die tödliche Dosis des Betäubungsmittels Propofol womöglich selbst gespritzt.

    7. November 2011: Die zwölf Geschworenen fällen ihr Urteil. Conrad Murray ist demnach schuldig.

    29. November 2011: Conrad Murray wird wegen fahrlässiger Tötung zu vier Jahren Haft verurteilt.

    In den Augen der zwölf Geschworenen hat der Mediziner Conrad Murray (58) strafbar fahrlässig den Tod des Popstars herbeigeführt. Gut acht Stunden hinter geschlossenen Türen brauchten die sieben Männer und fünf Frauen, um sich zu dieser Entscheidung durchzuringen. Für viele Prozessbeobachter war ihr Urteil keine Überraschung.

    Die Anklage hatte mit 33 Zeugen und Hunderten Beweisstücken schweres Geschütz gegen Murray aufgefahren. Nach ihrer Darstellung hatte der Herzspezialist dem Popstar an seinem Todestag große Mengen des Narkosemittels Propofol gespritzt, seinen Patienten dabei aus den Augen gelassen, in heller Panik eine mögliche Wiederbelebung verpatzt, Spuren vertuscht und erst viel zu spät den Notarzt gerufen.

    Der Narkose-Spezialist der Anklage, Steven Shafer, hielt Murray während des sechswöchigen Prozesses 17 "unverzeihliche" und "ungeheuerliche" Fehler vor. Als "verrücktes Szenario" tat der Anästhesist die Theorie der Verteidigung ab, dass sich Jackson das Mittel möglicherweise selbst gespritzt habe, als sein Arzt nicht im Raum war. Murrays Team ging das Risiko ein, Jackson mit seiner Sucht nach Schlaf- und Beruhigungsmitteln als "Schuldigen" an den Pranger zu stellen. Regelmäßig habe der von Ängsten und Schlaflosigkeit geplagte Star seine "Milch" verlangt.

    Die Schlüsselfiguren im Jackson-Prozess

    David Walgren: Der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt führte die Anklage. Der Jurist ist für seine Scharfzüngigkeit bekannt. Er machte im vorigen Jahr Schlagzeilen, als er mit allen Mitteln eine Auslieferung von Regisseur Roman Polanski aus der Schweiz in die USA verlangte.

    Ed Chernoff und Michael Flanagan: Die beiden sind Murrays Verteidiger. Chernoff führt in Texas eine Kanzlei. In Kalifornien ist er weniger bekannt. Er weist sich als Spezialist für komplizierte Fälle aus. "Er verliert nur selten", heißt es auf seiner Homepage. Der kalifornische Promi-Anwalt Flanagan verteidigte die Popsängerin Britney Spears, als sie 2008 wegen Fahrens ohne Führerschein vor Gericht stand. Außerdem hat er den bisher einzigen Fall in Los Angeles gewonnen, bei dem ein Todesfall wegen einer Propofol-Gabe vor Gericht kam. Im Jahr 2004 erwirkte er einen Freispruch für eine Krankenschwester, unter deren Aufsicht ein Krebspatient nach einer Propofol-Spritze gestorben war.

    Michael Pastor: Er ist der Richter, unter dessen Vorsitz der Prozess lief. Er hatte rund vier Wochen für das Verfahren veranschlagt, daraus sind jetzt schon sechs geworden. Pastor ließ Fernsehkameras im Gerichtssaal zu. Den Juroren schärfte er ein, sich strikt an seine Anweisungen zu halten und nicht über den Fall zu sprechen.

    So nannte der Sänger das weißliche Narkosemittel Propofol, das ihm am Ende das Leben kostete. Gewöhnlich wird es im Krankenhaus vor Operationen gespritzt. Murray war nur "ein kleiner Fisch in einem großen schmutzigen Teich", sagte Verteidiger Ed Chernoff in seinem Schlussplädoyer mit Blick auf die vielen Ärzte, von denen sich der Popstar über Jahre hinweg mit starken Mitteln versorgen ließ. Chernoffs eindringlicher Appell, den Arzt nicht "für die Taten von Michael Jackson" zu verurteilen, kam bei den Juroren nicht an.

    Der Prozess, der über Videokameras im Gericht weltweit im Internet verbreitet wurde, brachte Schockierendes ans Licht. Wie eine Horrorrezeptur aus der Schmerzapotheke las sich das Polizeiprotokoll über die letzten Stunden im Leben des Popstars, vollgepumpt mit Mitteln zum Schlafen, gegen Schmerzen und Angstzustände.

    Die lallende Stimme des Verstorbenen erklang im Gerichtssaal. In einer Aufnahme, sechs Wochen vor seinem Tod, spricht Jackson über sein geplantes Konzert-Comeback. Die Leuten sollten nach der Show sagen können, er sei "der größte Entertainer der Welt", stammelt der Sänger mit verzerrter Stimme, offensichtlich unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln.

    Es gab mehr zu hören und zu sehen, als den Juroren und den Angehörigen lieb sein konnte. Im abgedunkelten Gerichtssaal leuchtete eine Foto des Popstars auf, bleich und leblos auf einer Krankenbahre. Ein Autopsiefoto zeigte den "King of Pop" nackt auf einem Tuch, sein Intimbereich ist mit schwarzen Balken unkenntlich gemacht. An seinem dünnen Körper sind Verbände und Kanülen angebracht.

    Tränen flossen, als Staatsanwalt David Walgren an Jacksons Kinder erinnerte. "Paris schrie 'Daddy', als sie unter Tränen zusammenbrach", so malte der Anklagevertreter die Szene im Juni 2009 aus, als Jacksons Tochter Paris ihren Vater leblos in seinem Bett liegen sah. "Für Michaels Kinder geht dieser Fall ewig weiter, weil sie keinen Vater mehr haben", sagte Walgren mit Grabesstimme. Jacksons Mutter Katherine und seine Schwester La Toya auf der Zuschauerbank wischten sich Tränen weg. Solch emotionale Szenen im Gericht dürften auch die Geschworenen bemerkt haben. (dpa)

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden