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Kommentar von Michael Kerler: Loveparade: An der Grenze des Beherrschbaren

Kommentar von Michael Kerler

Loveparade: An der Grenze des Beherrschbaren

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    Menschen stellen am Sonntag an dem Unglücksort in Duisburg Kerzen auf.
    Menschen stellen am Sonntag an dem Unglücksort in Duisburg Kerzen auf. Foto: mg cul

    Sie wollten Spaß haben, tanzen. Sie haben die Hölle erlebt, wurden gequetscht, stürzten zu Tode. Die Love-Parade 2010 zählt am Ende Hunderte Verletzte und 19 Tote. Die Parade der Liebe endete auf dem Friedhof. Es ist ein Unglück, das Betroffenheit auslöst.

    Kritiker mögen sagen, die Love-Parade war eine sinnentleerte Veranstaltung. Das stimmt. Teilweise. Es ging um Party, um das Feiern an sich, um wummernde Bässe und um viel Müll, früher, in der Hauptstadt Berlin. Die Love-Parade war aber auch Symbol für ein neues, ein offenes, tolerantes Deutschland, sie hat beigetragen, Berlin zur weltoffenen, fröhlichen Stadt zu machen als die sie heute gilt. Jetzt gibt es diese laute, bunte, unpolitische Welt nicht mehr.

    Es bleibt die Frage: Wie konnte das passieren? Es scheint, dass die Betroffenen ein Opfer des Kommerzes geworden sind. Die Love-Parade 2010 segelte unter der Flagge der Kulturregion "Ruhr 2010". Tatsächlich steckte indirekt eine Fitnesskette hinter dem Ereignis. Und der finanzielle Druck war schon in vergangenen Jahren groß.

    Die Besucher sind zudem Opfer einer Massenveranstaltung geworden. Diese sind immer mit Risiken verbunden. Die Atmosphäre ist aufgeheizt, Menschen folgen bei Panik ihren Instinkten. Feste dieser Art bewegen sich an der Grenze des Beherrschbaren, sicherlich. Nicht selten aber ist das Spiel mit dem Risiko bewusst fahrlässig. Duisburg erinnert in diesem Punkt an Ramstein. Im Jahr 1988 donnern bei einer Flugschau Düsenjets über die Köpfe der Besucher. Zwei stoßen zusammen, stürzen brennend in die Menge, 70 Menschen sterben. Heute gibt es für Flugschauen dieser Art schärfere Vorschriften.

    Letztlich liegt der Verdacht nahe, dass die Love-Parade-Anhänger zuallererst Opfer eines fehlerhaften Sicherheitskonzepts sind. Zwar verteidigten die Veranstalter gestern ihr Konzept. Es habe sich bewährt, sei "stichhaltig" gewesen, hieß es. Das muss stark bezweifelt werden: Die Stadt rechnete mit einer Million Besucher, das Festgelände fasste aber nur 250 000 Menschen. Größte Schwachstelle war der Tunnel. Gestern hieß es erst, dass alle Beteiligten die Pläne abgesegnet hatten. Dann sickerte durch, dass die Polizei das Nadelöhr Tunnel immer vermeiden wollte. Die Einigkeit kann also nicht so groß gewesen sein. Dass Duisburgs Bürgermeister da von "individuellen Fehlern" sprach, wirkt überheblich und arrogant.

    Noch vor wenigen Monaten hatten in Deutschland viele Zweifel, ob Südafrika seine Fußball-Weltmeisterschaft sicher über die Bühne bringen kann. Jetzt sind bei uns 19 Menschen auf einem Fest gestorben. Südafrika dagegen hat eine fröhliche WM gefeiert. Vielleicht sind unsere Regeln nicht so perfekt, wie wir immer denken.

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