Paranormal Activity ist ein Phänomen: Der Low-Budget-Horrorfilm gilt schon jetzt als einer der profitabelsten Filme aller Zeiten. Seinen Erfolg verdankt er einer geschickten PR und dem Internet.
Oren Peli muss ein glücklicher Mann sein. Das ist zwar eine Unterstellung, doch es fällt schwer, vom Gegenteil auszugehen. Denn der israelisch-amerikanische Regisseur hat in Hollywood etwas geschafft, was vor ihm schon lange niemand mehr hinbekommen hat: Er hat aus nichts Gold gemacht. Ab Donnerstag können sich deutsche Kinogänger vom Phänomen Peli überzeugen.
Peli hat 2006 einen Film gedreht. Mit einer kleinen HD-Kamera. Für 11.000 Euro. So viel kostet mittlerweile ein ambitionierter Studentenstreifen. In Hollywood fällt für den Trailer eines Star-Schauspielers pro Tag mehr an Standmiete an.
Doch Peli, der eigentlich Programmierer für Videospiele ist, und Hollywood, die größte Filmindustrie der Welt, sollen zusammenkommen. Später - und unter etwas ungewöhnlichen Umständen.
Peli nennt seinen Film Paranormal Activity. Sieben Tage sollen die Dreharbeiten gedauert haben. In der Zeit werden in der Regel sieben Folgen "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" gedreht. Doch vor 2008 ist Pelis Horrorthriller nicht fertig. Die Postproduktion dauert ein Jahr.
Worum es geht? Um es vorweg zu nehmen: um ziemlich wenig. Das junge Paar Katie und Micah macht in seinem Haus vermeintlich authentische Aufnahmen von etwas, dass es nachts nicht schlafen lässt. Es knarzt, die Bettdecke flattert...ihre Filmaufnahmen sollen Licht ins Dunkel bringen.
Natürlich tun sie das nicht. Zu sehen ist auf den verwackelten Aufnahmen fast nichts, doch das pseudo-dokumentarische Material versetzt Amerika seit Wochen in Angst und Schrecken. Fast 100 Millionen Dollar hat der Film bislang in den US-Kinos eingespielt und ist damit schon jetzt einer der profitabelsten Filme aller Zeiten. Warum?
Paranormal Activity fand nur unter Umwegen die Aufmerksamkeit, die er heute genießt. Selbst auf Film-Festivals der unbekannteren Sorte wurde der Streifen 2008 abgelehnt. Dort, wo er zu sehen war, fielen die Reaktionen verhalten aus. Dreamworks kaufte dennoch die Rechte. Der Plan: Oren Peli sollte ein US-taugliches Remake drehen. Ganz nach den guten alten Hollywood-Regeln.
Doch dazu kommt es nicht. Paramount sichert sich nach einigem Hin und Her für angeblich 200.000 Dollar die Rechte. Weitaus mehr Geld investiert das Studio aber in das Marketing. Und das findet ausschließlich im Internet statt. Der Trailer zeigt kaum nennenswerte Filmausschnitte, sondern Reaktionen von Kinozuschauern, denen der Horrorthriller in Collegekinos vorab gezeigt wurde.
Die angstverzerrten Gesichter, die Aufschreie des Testpublikums wirken: Eine Million Besucher sollten sich einen regulären Kinostart wünschen. Allein die Abrufe der Filmausschnitte auf dem Videoportal youtube haben diese Zahl längst überschritten. Auf der offiziellen Filmseite können sich Fans per Twitter oder Facebook über ihre Reaktionen auf den Trailer und den Film austauschen: Tweet your scream, twitter deinen Schrei, heißt es dort.
Über diese digitalen sozialen Netzwerke und Internetforen verbreitet sich das paranormale Phänomen rasend schnell, die gute alte Mund-zu-Mund-Propaganda tut in den USA ihr Übriges.
Paramount ging mit diesem Marketing relativ neue Wege - wie 2008 bei Matt Reeves' Echsen-Horror Cloverfield, dessen Machart der von Paranormal Activity gleicht. Und genau wie damals feiert Paramount nun mit Pelis Film vor allem einen riesigen Marketing-Erfolg. Einen über ein fast unkontrollierbares System.
Das Internet mit all seinen Fans, die in Foren, Blogs und Communities Filme hochloben oder zerreißen, ist für Hollywood zu einer unkalkulierbaren Größe geworden. Einer, von der Studios und Filmemacher immer mehr beeinflusst werden. US-Schauspieler John Cusack ( 2012) verriet Spiegel Online jüngst, wie sehr Twitter und Co. das Geschäft verändert haben:
"Früher haben sich die großen Studios das Startwochenende einfach komplett gekauft, indem sie vorher ordentlich Geld in die Werbung gepumpt haben. Wenn die Besucherzahlen am Freitagabend stimmten, war klar, dass sie am Samstag noch mal um 25 oder 30 Prozent hochgehen würden - und erst dann absacken", sagte Cusack.
Heute wüssten Millionen potenzielle Kinogänger Minuten nach der ersten Vorführung, ob sich ein Film lohnt oder nicht. Mit möglicherweise verheerenden Folgen für seine Macher. Deshalb bleiben erfolgreiche Internet-Aktionen wie die von Paramount selten. Die Regeln des Internets - es gibt schlicht wenige - decken sich einfach nicht besonders mit einem Hollywood, das in Zeiten der Kreditkrise immer mehr auf Nummer sicher geht.
Oren Peli kann das übrigens egal sein. Denn er profitiert von eben jenen Regeln Hollywoods. Für 2012 ist die Fortsetzung von Paranormal Activity geplant. Oren Peli muss ein glücklicher Mann sein. (Christian Paul)